Neuanfang

 

Vom 10. Mai bis Ende August verbrachte ich im Lager, konnte dann nach Berlin, wo wir erst von der Teilung in Sektoren erfuhren. Da ja abends zeitig Ausgangssperre war, übernachteten wir zu zweit in einer Art Po1izeiwache, um am anderen Morgen den ca. 10 Tage währenden Papierbeschaffungsgang anzutreten. Zu unserem großen Glück erfuhren wir vom Hausmann in einer Turnhalle, dass er einen Teil der benötigten Papiere da habe und wir alles von ihm bekommen könnten. Wieder mal Glück gehabt. Beim Vorübergehen an einer geöffneten Gaststätte bettelten wir bei einer gutmütigen Kellnerin um eine Suppe; die uns geschenkte Kartoffel-Mohrrüben-Eintopfsuppe schmeckte so köstlich wie noch nie etwas im Leben!  

Im englischen Sektor sollten Transporte nach drüben zusammengestellt werden - schnellstens per Straßenbahn nach dort. Übernachtet hatten wir zu zweit nochmals in einem zufällig aufgesuchten Haus in einer Dachstube, bekamen bei einem Bäckermeister ein Brot und Sirup, was beides im Nu vertilgt war, zum großen Erstaunen der Bäckersfrau. Auch ein Mittagessen schenkte uns eine nette alte Frau, sicher vom eigenen Essen abgespart. Wir beide sahen ja sehr ärmlich aus und kamen von den Russen.  

Die Berliner erzählten uns noch von den letzten Tagen und Kämpfen; es muss noch schlimm zugegangen sein, man hatte zum Schluss noch halbe Kinder in die Straßenkämpfe geschickt. Uns wurde gesagt, dass in der Nähe eines Bunkers ein englisches Sammellager eingerichtet wurde und von dort gingen Sammeltransporte ab, Wir fanden es auch, bekamen unsere Tagesverpflegung, bestehend aus einem Becher Milchpulverkaffe und einem schmalen Päckchen Keks. Die Nacht auf der Bunkertreppe ging auch zu Ende, leider war der Zustrom zum ersten Transport sehr stark, ein englischer Offizier wurde dabei fast über den Haufen gerissen. Wir mussten uns zum zweiten Transport anstellen. Es waren alte leere Waggons, mit denen Kartoffeln gebracht worden waren. Wir kehrten sie notdürftig aus, mit Ginstersträußen vom Bahndamm, legten uns aber bald, um uns einen Platz für die Nacht zu sichern und warteten voller Angst, ob es auch wirklich losging. Unter uns im Waggon waren einige entlassene Stalingrad-Gefangene, sie wirkten wie Tiere, verhungert, scheu, mit einer Büchse, irgendwo aufgelesenen Kartoffeln und etlichen Stücken Holz. Hielt später der Zug, krochen sie aus dem Wagen und versuchten, die Kartoffeln zu kochen. Die waren mehr als verhungert.  

In der russischen Zone waren die Waggontüren offen, jeder war froh und gespannt, ob wir über die Grenze kämen. In Marienborn kamen wir eher an als der zuerst abgefahrene Zug. Mit Schrecken sahen wir, dass die Russen unseren englischen Begleitoffizier abführten - er blieb lange aus. Auf dem Bahnsteig standen Flüchtlinge. von den Russen aus den Zügen geholt. Wir ha1fen ihnen heimlich, in unseren Zug zu klettern, teilweise ohne ihr Gepäck, doch sie waren ja froh weg zukommen. Endlich kam der Engländer wieder und der Zug ruckte an, bald tauchte ein zweites Gleis auf, wir waren über der Grenze !!

An der nächsten Station wurden die Waggons verschlossen, ein Engländer erschoss einen Soldaten, der stolz rief, er sei daheim in seiner Heimatstadt. Es war ein schöner Schock für uns alle. Den Krieg hatte er überstanden, und in seiner Heimatstadt fand er den Tod!

In Hannover-Linden kam das nächste Lager, in dem noch der alte Drill mit Offizier und Unteroffizier Grüßen galt. In aus Zeltplanen zusammengesetzten Zelten hockten und lagen wir wie die Heringe, dort bekam ich meine zweite Laus in diesem Krieg, doch bald durch eine doppelte Pulverspritze der Engländer vertrieben. In Rüdersdorf waren Offiziere und Mannschaften getrennt, sie brauchten keine Haare geschoren bekommen, es gab bessere Verpflegung und mehr Freiheit, sie sollten ja umerzogen werden. Wir hatten einen Feuerwehroffizier bei uns, der sich so gemieden vorkam, dass er lieber zu uns kam und als einfacher Landser bei uns blieb. Es sei schlimm gewesen ob der Hochmut im Offizierslager.  

Um die Esserei wurden wir - genau wie bei den Russen - von den eigenen Kameraden betrogen. Nach einer gründlichen Filzung durch englische Offiziere gelang es mir, meinen Brotbeutel mit Zeltplane zu retten. Da ich Fußlappen trug, hatte ich meine zwei Paar Strümpfe in einem Sack, die er mir abnehmen wollte, doch nach Vorzeigen der Fußlappen durfte ich sie behalten; auch das Käppi wurde abgenommen, was nicht gerade schön war, hatte man uns doch vor dem Verlassen des Lagers ratzekahl geschoren. Im Lager sagten uns die Herren Feld­webel vor dem Essen: "Ei1t zum Bahnhof, da steht ein Zug zum Ami", worauf wir Essen und Tagesverpf1egung im Stich ließen und zum Bahnhof rannten. Der Zug fuhr aber erst am späten Abend ab. Die Spieße hatten sich damit unsere Verpflegung behalten, wie man leider immer wieder feststellen musste. Spät abends fuhren wir los Richtung Ami, also nach Süden. Am Mittag hielten wir vor einem Bahnhof zwischen zwei Zügen mit dicken ausgefutterten Norwegen-Gefangenen, alle mit dicken Seesäcken. Wir bettelten nach Essen, sie warfen uns wie den Hunden etwas herunter, hatten wir doch schon ein paar Tage nichts Richtiges mehr gegessen. Als wir dazu hörten, dass alle Züge so geleitet würden, dass in einem neuen Lager alle Arbeitsfähigen nach Frankreich in die Kohlengruben kämen, verließen wir unseren Zug und stürmten zum Teil einen einfahrenden Personenzug nach Frankfurt /Main. In einem Abteil stehend, packten die Leute Essen aus, wir schämten uns nicht, sie darum anzubetteln, und sie gaben uns auch.  

In Hanau stiegen wir aus, um in Richtung Augsburg weiter zu fahren. In einer Bahnunterführung zwischen zwei Bahnsteigen schliefen wir, um am nächsten Tag mit dem erstbesten Zug weiterzufahren. Es kam ein Güterzug mit Steinkohlenstaub beladen, er wurde bestiegen, obwohl wir nach kurzer Fahrt aussahen wie die Neger, doch egal, es ging wieder ein Stück weiter, Zwischen Ortseingang und -ausgang stand eine Dampflok, da die elektrischen Oberleitungen durch Fliegerangriffe meist zerstört waren. Die Fahrt ging durch das schöne Maintal mit Halten, Umleitungen usw. Abends auf einer Station stieg ich dann in einen anderen Zug um, der mit größeren Steinkohlenbriketts beladen war, legte mich zwischen zwei andere und deckte mich mit meiner Zeltplane zu. Eine sternenklare Nacht wölbte sich über uns, trotz aller Strapazen konnte man sich dem Bewundern nicht entziehen. Doch entweder fror ich oben oder unten an den Füßen, so eine Zeltplane ist ja dreieckig. Am Mittag umsteigen in einen zerbombten Schnellzugwagen, aus den Bänken mussten die Glassplitter herausgepult werden, um sitzen zu können, die Zeltplane ersetzte das Fensterglas. Bis kurz vor Augsburg ging die Fahrt, dort war ein endloses Halt. Mir riss die Geduld, ich stieg kurz entschlossen aus, um zu Fuß weiter zu wandern. Zufällig hatte ich die richtige Station erwischt, auf mein Befragen nach Igenhausen wurde mir gesagt, es seien nur zwei bis drei Dörfer weit entfernt. Nach einer tiefschlafend verbrachten Nacht (am Abend hatte ich mir zweimal Essen in einer Gastwirtschaft bei einer drallen bayrischen Kellnerin erbettelt) im Dunklen rasiert und los auf die Straßen. Unterwegs fragte mich ein radfahrender Bauer, ob ich etwas von seinem Sohn wüsste usw., usw. und versprach mir ein Stück Brot und einen Topf Milch im nächsten Dorf. Ich fand ihn zwar nicht, aber eine andere mitleidige Bäuerin half mir und zeigte mir das Milchauto, das gerade beladen wurde; es führe durch Igenhausen. Ich nichts wie hin, ein, sehr knurriger Fahrer erlaubte mir aufzusteigen, ich half dabei in meh­rerer Dörfern mit aufladen. P1ötzlich hielt er, es war Igenhausen, und die Kreuzung ging zur Einöde Hirschbach. Es war an einem frühmorgendlichen Sonntag. Bald wandere ich den mir gezeigten Weg weiter, rings kaum noch Häuser, dann Felder. An einem Kreuz erblickte ich fern zwei Bauernhäuser; die Beine eilten immer weiter, immer in dem Angstgefühl, hoffentlich sind sie nicht schon heimgereist! Am ersten Bauernhof fragte ich nach Michels, ja - sie seien noch da, im nächsten Haus. Der Hund schlug an, aus einem oberen Fenster sah das rundliche Gesicht meiner Schwiegermutter heraus, dann tauchte Peter auf und endlich auch meine Frau. Vor Aufregung bekamen sie den Riegel der Haustür nicht auf endlich hatten wir uns wieder.

Auf meine Frage, ob alle da seien, bekam ich die Antworte einen kleinen Jungen haben wir auch. War doch meine Frau mit Schwiegermutter und drei Kindern kurz vor Kriegsende nach Bayern evakuiert, sie war in anderen Umständen und hatte 10 Tage vor meinem Eintreffen in Aichach/Oberbayern im Krankenhaus entbunden. Endlich hatten wir uns alle wieder - alles Ungemach war vergessen! Beim Bauer Lechner waren wir im 1. Stock in einem alten Bauernhaus untergebracht zwei Stuben, eine als Wohnstube, in der ich dann schlief, und in der anderen alle - Frau, Schwiegermutter und drei Kinder. Im Flüchtlingszug hatte meine Frau im Kinderwagen die 3-ährige Sabine neben einem Sack Kartoffeln und anderen Sachen untergebracht, auch die Matratzen unserer Ehebetten und noch einiges mehr. Unser Bauer lebte mit Frau und erwachsener Tochter Resel, der Nachbar nebenan war Nefzgers, mit Mann, Frau, und insgesamt 13 Kindern, davon zwei im Krieg, einer kam zurück, einer vermisst. An Lebensmitteln war keine Not; es war alles primitiv, aber gemütlich und auszuhalten, Unsere Tochter 4-jährig, war meist den ganzen Tag bei den herzensguten, immer lachenden Nefzgers und die kleine Sabine konnte auch nicht schnell genug zu den Nachbarn. Früh die ersten Worte: "Nefzger gehe“ und weg waren die beiden, während der größere Peter sich zwar auch gut mit den Nachbarsjungen verstand, doch mehr daheim blieb. Er ging in Igenhausen in die Schule, 1. bis 4. und 5. bis 8. Klasse. Der gute Pfarrer war durch unsere Bauern unterrichtet, dass wir brave Leute seien und verlegte sogar seinen Religionsunterricht von 7 bis 8. damit Peter als einziger Protestant später kommen konnte.

Nach meiner Meldung in Aichach fiel die Familienunterstützung weg, ich war für die Familie verantwortlich, brauchte also Arbeit. Durch den Mann einer Aichacher Frau, die mit meiner Frau zusammen im Krankenhaus gelegen hatte, bekam ich Arbeit in einer Mühle mit etwas Sägemühlenbetrieb. Für die damals viel betriebenen Autos mit Holzgas wurde an einem gemauerten Ziegelmeiler Holzkohle hergestellt. Zusammen mit meinem Mitarbeiter Zötl sägten und spalteten wir Holz, meist Meterstücke bis 15 cm Durchmesser und füllten das Ofeninnere voll. dann wurde gezündet und nach kurzer Zeit die untere Tür verschlossen, oben durch eine große Eisenplatte von ca. 1,20 — 1,50 m abgeschlossen und mit Sand bedeckt, Aus mehreren kleineren seitlichen Schornsteinen kam die Abluft, ein Zug zog ein und zwei gegenüberliegende Züge bliesen aus. Alle Stunden wurden die Züge gewechselt. Das ging von früh 7 Uhr bis zum nächsten Morgen, die ganze Nacht durch mussten die Züge verändert werden. Ich hatte meist Dienst von früh 7 Uhr bis Mitternacht, dann kam die Ablösung. Am Montag morgen fuhr ich zeitig erst mit dem Fahrrad von Lechners, später dann früh 4 Uhr zu Fuß nach Oberbernbach und kam sonnabends nach Schluss gegen 12 Uhr heim gelaufen und war gegen 16 Uhr zu Hause. In einem ehemaligen Ruheraum schlief ich die Woche über, hatte einen kleinen Kohleherd im Raum und feuerte ihn mit Holz; darauf kochte ich mir Mittag- und Abendessen. Von daheim bekam ich ein Stück Butter und Bier mit, Mehl aus der Mühle, auch Magermilch und pro Abend einen Topf Milchkaffee, So konnte ich mich gut erholen - tagsüber an der Luft und abends zeitig schlafen gehen.

 

24.       2. 1983  

Von der Uniform wurden die Knöpfe abgetrennt, es gelang mir auch, in Augsburg durch den Mühlenbesitzer einen billigen Anzug zu bekommen. Die Haare würden ebenfalls länger. Meine Kinder gewöhnten sich an den wieder aufgetauchten Vater besonders Sabinchen kannte mich ja überhaupt noch nicht. Trotz der beschränkten und bescheidenen Wohnverhältnisse lebten wir glücklich und zufrieden, waren wir doch endlich alle zusammen, und der Krieg war aus. Über das Doppelte verdienten wir beiden Holzköhler mehr als die Mühlenarbeiter. Beim zweiten Brand hatten wir den Ertrag verdoppelt, indem wir nach einigen Stunden Brennen den oberen Eisendeckel öffneten - nicht ganz ungefährlich durch die sofort 1,5 m breite Flamme, dann wurden halbierte dicke Holzstämme nachgeworfen und der Eisendeckel wieder geschlossen. Nach einem Tag war das Feuer erloschen, der Ofen konnte geräumt werden, wir beide sahen dann ganz original nach Kohlenbrenner aus. Abgefüllt in große Papiersäcke lieferten wir unseren Ertrag ab.  

Zur Weihnachtszeit wurde ein kleines Bäumchen aus dem Wald geholt, aus Draht Lichtdochte gedreht. Für die Kinder hatte ich in meinen Abendstunden einen kleinen Schlitten gebaut, es gab ja nichts zu kaufen. Und doch waren wir alle glücklich und genossen die Weihnachtstage.  

Unser Sohn Kurt war am 23, August 1945 geboren, ich kam am 9. September an. Im Februar wurde Muttchen Farak unruhig und wollte heim, besonders als ein erster Brief von Erich Haidig, dem Schwager kam mit der Botschaft, dass zwar eine fremde Familie in unserer Wohnung wohne, aber sonst alles erhalten wäre, auch die Werkstatt bestand noch. Muttchen Farak und ich machten uns also doch auf mit Gepäck bis Augsburg, dort die erste Nacht verbracht, dann mit Zug bis in ein Umsiedlerlager nach Eisenach, zuvor noch eine Nacht vor der Grenze. In der russischen Zone im Lager kam die übliche Entlausung, dann zum Bahnhof, den wir leider erst spät erreichten -  alles überfüllt. In einem dicht besetzten Wagen ohne Fenster fanden wir dann ein Plätzchen vor das Fenster wurde mein alter Gummimantel gehängt, aus einem mitgenommenen Lodencape war ein Mantel in Aichach geschneidert, so ab Richtung Dresden. Auf einem Bahnsteig in Dresden in einem Wartehäuschen verbrachten wir die dritte Nacht bis zum Morgen, leider stand der einfahrende Zug gerade mit dem letzten Wagen vor uns, ich als Erster vor der Tür. Zwar fand ich einen Platz, aber Mutter Farak stand draußen. Über die Puffer holte ich von der anderen Seite die Koffer und rief ihr zu, sie müsse sehen, wie sie reinkomme. Wie ein Schneepflug fuhr sie durch die Menge, doch konnten wir uns nicht auf die zwei Plätze (von den Koffern besetzt) setzen, da wir in der Enge die Koffer nicht hochbekamen. In Löbau kamen wir nachts an, zur Zeit der Ausgangssperre. Während ich zur Mutter eilte-, an die Ladentür klopfte und einen Handwagen holte, stand Muttchen ängstlich noch auf dem Bahnhof, Es gelang uns auch, unangehalten heimzukommen, erstaunt betrachtet von meiner Mutter und Milke. Sehr müde und erschöpft ging es nach kurzem Erzählen - ich oben ins Bett, Muttchen schlief auf dem Sofa im Putzzimmer.  

Am nächsten Tag natürlich der erste Weg zur Wohnung, die von einer Mutter, Tochter und Kind besetzt war. Nicht gerade sehr freundlich wurden wir empfangen, die Tochter schneiderte und hatte aus Hildes Unterwäsche Büstenhalter "Spitze Wiener Tütenform" gefertigt und verkauft. Von meinen Anzügen waren nur noch die Westen da, die Anzüge hatten sich Soldaten angeeignet, um heimzukommen. Die Tür war mit einem Fußtritt geöffnet worden, Milke hatte sie provisorisch wieder verschlossen bis zum Eingang der Untermieter. In Sterzels Weinkeller hatten wir zwei Anzugstoffe eingemauert mit anderen Sachen, so konnte ich mit nach und nach neue Anzüge schneidern lassen. In der Wohnung bekam ich das Wohnzimmer und die Schlafstube, die anderen Räume hatten die Flüchtlinge. Sie heizten mit unserem Koks und drehten mir die Heizung ab, Da ich jedoch wenig daheim war - ich schlief noch immer bei Milkes -, störte mich das weniger. Muttchen besuchte auch sofort ihr Haus in der Altlöbauer Siedlung, auch dort eine Familie mit Großmutter, Frau und Kindern. Sie zog aber mit ein und vertrieb ihre Untermieter durch ihre Reinigung und Wascherei, die sich nach einem anderen Quartier umsahen, es wurde zu sauber, selbst waren sie etwas schmuddelig.  

Eines Tages war die Tochter mit Kind bei mir ausgezogen, sie hatte in unserem ehemaligen Kinderzimmer mit dem Ritter Gottfried aus der Rittermühle geschlafen und vertrug sich nicht mit der Mutter; ich musste den Dolmetscher zwischen beiden machen. Und einige Zeit später fand ich einen Zettel in der Küche, die Mutter wäre nach München zum Mann gefahren, die Aufwartefrau bezahlte sie mit unseren Küchengeschirr. Doch nun war die Wohnung leer. Ich ließ alles neu malen, Fußböden streichen, denn meine Familie musste ja nun kommen, sonst hätte man andere Leute mit hineingesetzt. Indessen schickte meine Frau kleine Päckchen mit Weizenkörnern und harter Wurst. Aus den Körnern wurde nach Einweichen Getreidebrei zum Frühstück gemacht. Muttchen bereitete uns Mittagessen. aus der Wurst, Kartoffeln und Kräuter aus Feld und Garten. Brennnessel und Löwenzahnblätter u. a. ersetzte fehlendes Gemüse, bei Kunden ergattertes Mehl oder bei einem Kunden mit Fleischerei besorgtes Fett und Fleisch half uns über die erste Zeit hinweg.  

Plötzlich kam aus Riesa ein Telegramm, dass meine Frau mit den Kindern im Umsiedlerlager in Riesa angekommen sei. Bisher kamen alle sächsischen Umsiedler in die Kaserne Löbau, ausgerechnet dieser Transport nach Riesa. Am nächsten Tag ging es abends nach Dresden, Nachtlager im Wartesaal Dresden-Neustadt und am Morgen weiter nach Riesa. Außerhalb war das Lager untergebracht, bald fand ich es, doch meine Frau war nicht da, sie war ins Krankenhaus gegangen, während die beiden Mädels im Revier lagen und nur Peter war in der Baracke, Ein netter Arzt hatte den kleinen Kurt ins Krankenhaus bringen lassen, um dem primitiveren Lagerleben zu entgehen, auch die Mädels im Revier. Um Kurt zu stillen, ging meine Frau nun jeden Tag den Weg zum Krankenhaus und Lager. Endlich trafen wir uns im Lager, obwohl Besuch nicht gestattet war. Wurden doch die Ankömmlinge laufend "entlaust“, scheinbar war man der Ansicht, die vom Westen Kommenden seien total verlaust (umgedreht war es vielleicht richtiger!). Bald musste ich wieder die Heimfahrt antreten, oder vielmehr fuhr ich mit dem Schiff bis Dresden, dabei bewachte ich das Wichtigste, was ich mitnahm - einen Eimer mit Butterschmalz !! , den Hilde durch alle Fährnisse bewahrt hatte . Ich stellt ihn sorgfältig auf dem Schiff hin und ließ ihn nicht aus den Augen. In den Lagern legte Hilde stets schmutzige Windeln auf den Eimer, denn er wurde, da so sorgfältig bewacht, sehr misstrauisch betrachtet. Hilde hatte mit den Kindern eine lange Fahrt hinter sich. In einem gewöhnlichen Lastwagen wurden sie von der Gemeinde nach Augsburg, dort in geschlossenen Waggons, vom Abstellgleis rücksichtslos abgerollt, so dass alles aufgestapelte Gepäck umfiel und fast auch Personen erschlagen hätte. Die bayrischen Rangierer sahen die Insassen als Russen an, es waren ja nur Flüchtlinge, Dann bis Hof, dort in ein Umsiedlerlager, immer in Sorge um das viele Gepäck. Nefzgers hatten starke Kisten gebaut, mit Weizen und Roggen, bald 100 Eiern und viele andere mehr, Meiner Frau Sorge war nach dem Unterbringen der Kinder, Männer zu suchen und sie zu bitten, ihr zu helfen. So gelangte sie nach Riesa das viele Gepäck des ganzen Flüchtlingszuges kam in einen Güterschuppen am Bahnhof. Ein Schuster hatte eine ganze Werkstatt zusammengepackt, kurz vor Görlitz lud er aus.  

Auf die Nachricht hin, wann die Abreise erfolgte, machte ich mich am Abend vorher auf und nahm einen Lehrling Schütze mit hin. Am Abend vor der Abreise hatten sie dummerweise bereits des Gepäck aus dem Schuppen ins Freie geräumt, es lag unbewacht da. Wir zwei bewachten alles, Schütze beim Gepäck, und ich pendelte zwischen Schuppen und Bahnhofsvorstand die ganze Nacht hin und her. Durch unsere Schweizer Freundin hatte ich West-Zigaretten mit, mit deren Hilfe ich erreichte, dass für die ca. 25 bis 35 Mann ein Wagen bereitgestellt wurde, da die Reise ja nicht wie gedacht Riesa—Dresden—Görlitz ging, sondern über Falkenberg-Horka-Görlitz; also 3 mal umladen. Außerdem nahmen die Umsiedler an -Schütze und ich, beide in Arbeitsanzügen-, wir seien für das Gepäck verantwortlich. Zum Glück halfen ein paar resolute jüngere Frauen eifrig mit. In Falkenberg musste das Gepäck auf den Karren geladen und mit dem zum Glück funktionierenden Fahrstuhl zum unteren Zug gebracht werden. Alle Abteile waren voll, wir hatten aber Glück mit dem Gepäck, der Gepäckwagen war nicht zu voll. In Horka erwarteten wir den von Berlin kommenden Zug. Der Bahnhofsvorstand machte unter großen Mühen einen halben Personenwagen frei, die beiden Gepäckschaffner wollten nichts annehmen, wir warfen einfach alles hinein. Die beiden lehnten jede Verantwortung ab und verzogen sich. In Görlitz leerte sich der Zug. Auf Anfrage hörten wir, dass der Zug weiter über Löbau fuhr, wir konnten unsere Kisten und Kästen für 2 Stunden drinlassen. Auf der Post rief ich meinen Schwager in Löbau an - damals rechte Hand vom Bürgermeister Gläsel -, er solle unsere Monteure zum Bahnhof schicken. Bei der Ankunft in Löbau standen sie bereits da. Mit Jubel wurden wir begrüßt, ein bahneigener Gepäckwagen beladen und durch die Stadt bis zur Wohnung Handwerkerstraße. Bald war alles unter Dach und Fach, der Wagen zurück zur Bahn. Langsam richtete sich die zurückkehrende Familie ein. Sabinchen fragte schüchtern, wo der kleine Waschraum wäre (sie war ja die Lagerwaschräume gewöhnt, hatte noch kein privates Bad gesehen). Die Nachbarin sahen mit Neid auf unsere Kisten, was wohl da alles drin sein möge. Das Mitgebrachte hat uns noch lange Zeit geholfen. Endlich waren wir alle zusammen, unser früheres Leben konnte neu beginnen, wir alle hatten den langen, furchtbaren Krieg überstanden, Die Verluste an Sachen wurden nach und nach überwunden, die Wohnung als solche hatte nicht gelitten.  

Mit 400 M Geld und Resten von Material und Werkzeug begann ich erneut, das Geschäft aufzubauen. Einen Teil der Werkzeuge hatte Kupferschmied Posselt geholt, ich bekam manches zurück. Schwierig war die Beschaffung von Schweißmaterial, besonders von Karbid, so manche Fahrt nach Hirschfelde musste unternommen werden. Ein Schlosser und ein Klempner machten die ersten Anlagen; der eine konnte Rohr verlegen, der andere schweißen. Da ich 1938 zufällig die Meisterprüfung als Installateur gemacht hatte, kam ich 1950 in den Genuss der günstigen Handwerkssteuer, es ging langsam aufwärts.

Sohn Kurt hatte mit den beiden Töchtern die Ebersdorfer Schule besucht und abgeschlossen. Sabine kam in die 10-Klassenschule (Preuskerschule), während Andrea nach 8 Jahren abgehen musste, damals gab es nur die 8-Klassenschule. Sie lernte bei mir als technische Zeichnerin, während Sabine "was ordentliches lernen wollte (bei Vater füllte es ihr wahrscheinlich nicht die Augen, sie ging ins Motorenwerk nach Cunewalde) — auch als technische Zeichnerin. Sohn Kurt lernte 2 Jahre als Heizungsinstallateur um dann 3 Jahre nach Erfurt auf die Ingenieurschule zu gehen. Sabine arbeitete noch zwei Jahre bei mir als Zeichnerin, machte in dieser Zeit in der Abendschule das Abitur nach, während Andrea heiratete und noch bei mir blieb, so holte sie 10. Klasse nach und wurde nach 6 - 7 Jahren Fernstudium Heizungsingenieur während Sabine nach Dresden ging, erst bis zum Dipl.-Ing., aber vor Abschluss drei weitere Jahre als Forschungsstudent den Doktor-Ingenieur - auch für Heizung ablegte. Kurt wechselte nach 8 Jahren von der Ebersdorfer Schule in die Pestalozzischule bis zum Abschluss der 10. Klasse um dann noch ein Jahr bei mir als Heizungsmonteur zu arbeiten. Nach dem Anschluss als Heizungsingenieur in Erfurt war er kurze Zeit in Kamenz als Heizungsingenieur, hatte geheiratet; seine Frau Inge geb. Muschalek, zog mit ihm nach Greifswald erst in ein Projektierungsbüro, dann zur Wohnungsverwaltung, seine Frau in das Städtische Projektierungsbüro. So waren alle drei Kinder in Vaters Beruf eingestiegen.  

Meine Schwester Gerda Haidig geb. Michel verlor ihren Mann Erich im KZ Buchenwald nach dem Kriege (er war zur Polizei dienstverpflichtet gewesen) und verzog 1950 nach Köln mit Sohn und Lebenskamerad, wodurch ihr Haus in Ebersdorf frei wurde. Nach längerem Bemühen bekamen wir den Umzug genehmigt und wohnen seitdem hier, konnten dann später das, Haus vom Staat käuflich erwerben, da es ja durch den illegalen Verzug meiner Schwester nach das Westen Staatseigentum geworden war. Vorher hatte ich bis zur Todeserklärung meines Schwagers darin gewohnt.

Nach einer erneuten Vorstellung auf der Ingenieurschule in Erfurt bekam ich eine Urkunde als Ingenieur, obwohl ich ab 1926 als Ingenieur in Italien und in der Schweiz gearbeitet hatte. Meine Fachschulausbildung galt nur als Technikerausbildung. Dadurch hatte ich dann die Projektierungs-Genehmigung vom Bezirksbauamt Dresden und kann seit meiner 1973 aufgegebenen Ausführung von Heizungsanlagen als Projektierungsingenieur arbeiten.  

Nach dem Kriege haben wir etliche Reisen gemacht. 1969 wurde ich 65 Jahre alt, und als Rentner konnte ich verreisen. 1970 fuhr ich des erste Mal zu meiner Schwester Gerda und ihrem Lebenskameraden Gerhard Frenzel, ehemals Bürgermeister von Ebersdorf und ebenfalls illegal verzogen nach Köln-Bickendorf. Sie hatten sich mit ihrem Sohn Christian ein sehr hübsches Haus auf einem ehemaligen Luftschifffahrtslandeplatz, an dem viele wilde Baustellen errichtet waren, gebaut. Daneben Hof mit Garage und Werkstatt und Garagenräume, nach Westen eine Reihe hoher Pappeln, davor ein schöner Garten. Von dort fuhr ich weiter nach Konstanz, um meine frühere Bergkameradin Sabine Guhl, die gleichzeitig Taufpatin unserer Tochter Sabine war, zu besuchen. Die Fahrt den Rhein entlang, dann durch den Schwarzwald war wunderschön.

 

1971 wurde Hilde ebenfalls Rentnerin, und wir fuhren zu zweit nach Köln-Bickendorf. Gerhard Frenzel war gestorben. Meine Schwester wollte nach Bergstein zu ihrem Sohn. Vorher verlebten wir noch Wochen in ihrem Haus, bevor sie umzog nach Bergstein bei Düren.

1973 fuhren wir ebenfalls wieder zu zweit nach Bergstein in Christians neues Haus, mussten aber nach 10 Tagen zurück, da ich einen heftigen Ischiasanfall bekam. Es gefiel uns auch gar nicht. Anschließend lag ich im Krankenhaus in Rothenburg bis November, desgl. 1974.  

1975 - 1983 zogen wir dann regelmäßige Besuche in Karlsruhe vor, wo wir kostenlos in der Einraumwohnung von Andreas Schwiegervater Max Mlasowsky wohnen durften, er kam in dieser Zeit nach Bautzen. Wir sind dann noch oft nach Karlsruhe und von dort stets für 10 Tage nach Konstanz gefahren und genossen die herrliche Umgebung des Bodensees sehr. Auch meinen ehemaliger Chef, Herrn Biefer, konnte ich sprechen, besonders aber die ehemalige Bergbegleiterin Sabine Guhl und ihren Bruder in Frauenfeld. Nun sind wir beide Senioren mit einer reichen Enkelschar: 2 Enkeltöchter - Sabine und Katrin mit Enkelsohn Peter in Bautzen; 5 Enkelsöhne Andreas, Stefan und Thomas in Greifswald und 2 Enkelsöhne - Konrad und Martin in Dresden; und bald werden wir noch Ureltern. Wie viel Freude hat uns das Leben neben Leid gebracht, und unser Glück hat uns stets treulich begleitet !  

1965 hatten wir über das Reisebüro eine Fahrt nach Bracov (Rumänien) gebucht. Flug ab Berlin-Schönefeld bis Bukarest, dann Autobus bis nach Poians-Bracov Kurhotel über Bracov. Herrliche Spaziergänge über die Berge, Besuch des Schlosses Rosenau, Treffen mit dem Schweriner Arzt samt Frau und Tochter, Rückflug ebenfalls über Berlin-8chönefeld, etliche Tage noch in Berlin.  

1966 Flug nach Sofia, Weiterfahrt mit Bus nach Pamporowo (Bulgarien). Besuch des Klosters, Besuch von Plovdi, Heimfahrt Berlin-Schönefeld.  

1967 Fahrt Berlin-Schönefeld-Sofia, dann weiter nach Boro­wetz, Berg Musala 1895 m, Rila-Kloster, Heimfahrt Berlin-­Schönefeld. Flughafenhotel jedes Mal beim Rückflug auf gesucht und noch Tage in Berlin.