Neuanfang
Vom 10. Mai bis Ende August
verbrachte ich im Lager, konnte dann nach Berlin, wo wir erst von der Teilung in
Sektoren erfuhren. Da ja abends zeitig Ausgangssperre war, übernachteten wir zu
zweit in einer Art Po1izeiwache, um am anderen Morgen den ca. 10 Tage währenden
Papierbeschaffungsgang anzutreten. Zu unserem großen Glück erfuhren wir vom
Hausmann in einer Turnhalle, dass er einen Teil der benötigten Papiere da habe
und wir alles von ihm bekommen könnten. Wieder mal Glück gehabt. Beim Vorübergehen
an einer geöffneten Gaststätte bettelten wir bei einer gutmütigen Kellnerin
um eine Suppe; die uns geschenkte Kartoffel-Mohrrüben-Eintopfsuppe schmeckte so
köstlich wie noch nie etwas im Leben!
Im englischen Sektor sollten
Transporte nach drüben zusammengestellt werden - schnellstens per Straßenbahn
nach dort. Übernachtet hatten wir zu zweit nochmals in einem zufällig
aufgesuchten Haus in einer Dachstube, bekamen bei einem Bäckermeister ein
Brot und Sirup, was beides im Nu vertilgt war, zum großen Erstaunen der Bäckersfrau.
Auch ein Mittagessen schenkte uns eine nette alte Frau, sicher vom eigenen Essen
abgespart. Wir beide sahen ja sehr ärmlich aus und kamen von den Russen.
Die Berliner erzählten uns noch von
den letzten Tagen und Kämpfen; es muss noch schlimm zugegangen sein, man hatte
zum Schluss noch halbe Kinder in die Straßenkämpfe geschickt. Uns wurde
gesagt, dass in der Nähe eines Bunkers ein englisches Sammellager eingerichtet
wurde und von dort gingen Sammeltransporte ab, Wir fanden es auch, bekamen
unsere Tagesverpflegung, bestehend aus einem Becher Milchpulverkaffe und einem
schmalen Päckchen Keks. Die Nacht auf der Bunkertreppe ging auch zu Ende,
leider war der Zustrom zum ersten Transport sehr stark, ein englischer
Offizier wurde dabei fast über den Haufen gerissen. Wir mussten uns zum zweiten
Transport anstellen. Es waren alte leere Waggons, mit denen Kartoffeln
gebracht worden waren. Wir kehrten sie notdürftig aus, mit Ginstersträußen
vom Bahndamm, legten uns aber bald, um uns einen Platz für die Nacht zu sichern
und warteten voller Angst, ob es auch wirklich losging. Unter uns im Waggon
waren einige entlassene Stalingrad-Gefangene, sie wirkten wie Tiere, verhungert,
scheu, mit einer Büchse, irgendwo aufgelesenen Kartoffeln und etlichen Stücken
Holz. Hielt später der Zug, krochen sie aus dem Wagen und versuchten, die
Kartoffeln zu kochen. Die waren mehr als verhungert.
In der russischen Zone waren die
Waggontüren offen, jeder war froh und gespannt, ob wir über die Grenze kämen.
In Marienborn kamen wir eher an als der zuerst abgefahrene Zug. Mit Schrecken
sahen wir, dass die Russen unseren englischen Begleitoffizier abführten - er
blieb lange aus. Auf dem Bahnsteig standen Flüchtlinge. von den Russen aus
den Zügen geholt. Wir ha1fen ihnen heimlich, in unseren Zug zu klettern,
teilweise ohne ihr Gepäck, doch sie waren ja froh weg zukommen. Endlich kam der
Engländer wieder und der Zug ruckte an, bald tauchte ein zweites Gleis auf, wir
waren über der Grenze !!
An der nächsten Station wurden die
Waggons verschlossen, ein Engländer erschoss einen Soldaten, der stolz rief, er
sei daheim in seiner Heimatstadt. Es war ein schöner Schock für uns alle. Den
Krieg hatte er überstanden, und in seiner Heimatstadt fand er den Tod!
In Hannover-Linden kam das nächste
Lager, in dem noch der alte Drill mit Offizier und Unteroffizier Grüßen galt.
In aus Zeltplanen zusammengesetzten Zelten hockten und lagen wir wie die
Heringe, dort bekam ich meine zweite Laus in diesem Krieg, doch bald durch eine
doppelte Pulverspritze der Engländer vertrieben. In Rüdersdorf waren Offiziere
und Mannschaften getrennt, sie brauchten keine Haare geschoren bekommen, es
gab bessere Verpflegung und mehr Freiheit, sie sollten ja umerzogen werden. Wir
hatten einen Feuerwehroffizier bei uns, der sich so gemieden vorkam, dass er
lieber zu uns kam und als einfacher Landser bei uns blieb. Es sei schlimm
gewesen ob der Hochmut im Offizierslager.
Um die Esserei wurden wir - genau
wie bei den Russen - von den eigenen Kameraden betrogen. Nach einer gründlichen
Filzung durch englische Offiziere gelang es mir, meinen Brotbeutel mit Zeltplane
zu retten. Da ich Fußlappen trug, hatte ich meine zwei Paar Strümpfe in einem
Sack, die er mir abnehmen wollte, doch nach Vorzeigen der Fußlappen durfte ich
sie behalten; auch das Käppi wurde abgenommen, was nicht gerade schön war,
hatte man uns doch vor dem Verlassen des Lagers ratzekahl geschoren. Im Lager
sagten uns die Herren Feldwebel vor dem Essen: "Ei1t zum Bahnhof, da
steht ein Zug zum Ami", worauf wir Essen und Tagesverpf1egung im Stich ließen
und zum Bahnhof rannten. Der Zug fuhr aber erst am späten Abend ab. Die Spieße
hatten sich damit unsere Verpflegung behalten, wie man leider immer wieder
feststellen musste. Spät abends fuhren wir los Richtung Ami, also nach Süden.
Am Mittag hielten wir vor einem Bahnhof zwischen zwei Zügen mit dicken
ausgefutterten Norwegen-Gefangenen, alle mit dicken Seesäcken. Wir bettelten
nach Essen, sie warfen uns wie den Hunden etwas herunter, hatten wir doch schon
ein paar Tage nichts Richtiges mehr gegessen. Als wir dazu hörten, dass alle Züge
so geleitet würden, dass in einem neuen Lager alle Arbeitsfähigen nach
Frankreich in die Kohlengruben kämen, verließen wir unseren Zug und stürmten
zum Teil einen einfahrenden Personenzug nach Frankfurt /Main. In einem Abteil
stehend, packten die Leute Essen aus, wir schämten uns nicht, sie darum
anzubetteln, und sie gaben uns auch.
In Hanau stiegen wir aus, um in
Richtung Augsburg weiter zu fahren. In einer Bahnunterführung zwischen zwei
Bahnsteigen schliefen wir, um am nächsten Tag mit dem erstbesten Zug
weiterzufahren.
Es kam ein Güterzug mit Steinkohlenstaub beladen, er wurde bestiegen, obwohl
wir nach kurzer Fahrt aussahen wie die Neger, doch egal, es ging wieder ein Stück
weiter, Zwischen Ortseingang und -ausgang stand eine Dampflok, da die
elektrischen Oberleitungen durch Fliegerangriffe meist zerstört waren. Die
Fahrt ging durch das schöne Maintal mit Halten, Umleitungen usw. Abends auf
einer Station stieg ich dann in einen anderen Zug um, der mit größeren
Steinkohlenbriketts beladen war, legte mich zwischen zwei andere und deckte mich
mit meiner Zeltplane zu. Eine sternenklare Nacht wölbte sich über uns, trotz
aller Strapazen konnte man sich dem Bewundern nicht entziehen. Doch entweder
fror ich oben oder unten an den Füßen, so eine Zeltplane ist ja dreieckig. Am
Mittag umsteigen in einen zerbombten Schnellzugwagen, aus den Bänken mussten
die Glassplitter herausgepult werden, um sitzen zu können, die Zeltplane
ersetzte das Fensterglas. Bis kurz vor Augsburg ging die Fahrt, dort war ein
endloses Halt. Mir riss die Geduld, ich stieg kurz entschlossen aus, um zu Fuß
weiter zu wandern. Zufällig hatte ich die richtige Station erwischt, auf mein
Befragen nach Igenhausen wurde mir gesagt, es seien nur zwei bis drei Dörfer
weit entfernt. Nach einer tiefschlafend verbrachten Nacht (am Abend hatte ich
mir zweimal Essen in einer Gastwirtschaft bei einer drallen bayrischen Kellnerin
erbettelt) im Dunklen rasiert und los auf die Straßen. Unterwegs fragte mich
ein radfahrender Bauer, ob ich etwas von seinem Sohn wüsste usw., usw. und
versprach mir ein Stück Brot und einen Topf Milch im nächsten Dorf. Ich fand
ihn zwar nicht, aber eine andere mitleidige Bäuerin half mir und zeigte mir das
Milchauto, das gerade beladen wurde; es führe durch Igenhausen. Ich nichts wie
hin, ein, sehr knurriger Fahrer erlaubte mir aufzusteigen, ich half dabei in mehrerer
Dörfern mit aufladen. P1ötzlich hielt er, es war Igenhausen, und die Kreuzung
ging zur Einöde Hirschbach. Es war an einem frühmorgendlichen Sonntag. Bald
wandere ich den mir gezeigten Weg weiter, rings kaum noch Häuser, dann Felder.
An einem Kreuz erblickte ich fern zwei Bauernhäuser; die Beine eilten immer
weiter, immer in dem Angstgefühl, hoffentlich sind sie nicht schon heimgereist!
Am ersten Bauernhof fragte ich nach Michels, ja - sie seien noch da, im nächsten
Haus. Der Hund schlug an, aus einem oberen Fenster sah das rundliche Gesicht
meiner Schwiegermutter heraus, dann tauchte Peter auf und endlich auch meine
Frau. Vor Aufregung bekamen sie den Riegel der Haustür nicht auf endlich hatten
wir uns wieder.
Auf meine Frage, ob alle da seien,
bekam ich die Antworte einen kleinen Jungen haben wir auch. War doch meine Frau
mit Schwiegermutter und drei Kindern kurz vor Kriegsende nach Bayern evakuiert,
sie war in anderen Umständen und hatte 10 Tage vor meinem Eintreffen in
Aichach/Oberbayern im Krankenhaus entbunden. Endlich hatten wir uns alle
wieder - alles Ungemach war vergessen! Beim Bauer Lechner waren wir im 1. Stock
in einem alten Bauernhaus untergebracht zwei Stuben, eine als Wohnstube, in der
ich dann schlief, und in der anderen alle - Frau, Schwiegermutter und drei
Kinder. Im Flüchtlingszug hatte meine Frau im Kinderwagen die 3-ährige Sabine
neben einem Sack Kartoffeln und anderen Sachen untergebracht, auch die Matratzen
unserer Ehebetten und noch einiges mehr. Unser Bauer lebte mit Frau und
erwachsener Tochter Resel, der Nachbar nebenan war Nefzgers, mit Mann, Frau,
und insgesamt 13 Kindern, davon zwei im Krieg, einer kam zurück, einer
vermisst. An Lebensmitteln war keine Not; es war alles primitiv, aber gemütlich
und auszuhalten, Unsere Tochter 4-jährig, war meist den ganzen Tag bei den
herzensguten, immer lachenden Nefzgers und die kleine Sabine konnte auch nicht
schnell genug zu den Nachbarn. Früh die ersten Worte: "Nefzger gehe“
und weg waren die beiden, während der größere Peter sich zwar auch gut mit
den Nachbarsjungen verstand, doch mehr daheim blieb. Er ging in Igenhausen in
die Schule, 1. bis 4. und 5. bis 8. Klasse. Der gute Pfarrer war durch unsere
Bauern unterrichtet, dass wir brave Leute seien und verlegte sogar seinen
Religionsunterricht von 7 bis 8. damit Peter als einziger Protestant später
kommen konnte.
Nach meiner Meldung in Aichach fiel
die Familienunterstützung weg, ich war für die Familie verantwortlich,
brauchte also Arbeit. Durch den Mann einer Aichacher Frau, die mit meiner Frau
zusammen im Krankenhaus gelegen hatte, bekam ich Arbeit in einer Mühle mit
etwas Sägemühlenbetrieb. Für die damals viel betriebenen Autos mit Holzgas
wurde an einem gemauerten Ziegelmeiler Holzkohle hergestellt. Zusammen mit
meinem Mitarbeiter Zötl sägten und spalteten wir Holz, meist Meterstücke
bis 15 cm Durchmesser und füllten das Ofeninnere voll. dann wurde gezündet
und nach kurzer Zeit die untere Tür verschlossen, oben durch eine große
Eisenplatte von ca. 1,20 — 1,50 m abgeschlossen und mit Sand bedeckt, Aus
mehreren kleineren seitlichen Schornsteinen kam die Abluft, ein Zug zog ein
und zwei gegenüberliegende Züge bliesen aus. Alle Stunden wurden die Züge
gewechselt. Das ging von früh 7 Uhr bis zum nächsten Morgen, die ganze Nacht
durch mussten die Züge verändert werden. Ich hatte meist Dienst von früh 7
Uhr bis Mitternacht, dann kam die Ablösung. Am Montag morgen fuhr ich zeitig
erst mit dem Fahrrad von Lechners, später dann früh 4 Uhr zu Fuß nach
Oberbernbach und kam sonnabends nach Schluss gegen 12 Uhr heim gelaufen und war
gegen 16 Uhr zu Hause. In einem ehemaligen Ruheraum schlief ich die Woche über,
hatte einen kleinen Kohleherd im Raum und feuerte ihn mit Holz; darauf kochte
ich mir Mittag- und Abendessen. Von daheim bekam ich ein Stück Butter und Bier
mit, Mehl aus der Mühle, auch Magermilch und pro Abend einen Topf Milchkaffee,
So konnte ich mich gut erholen - tagsüber an der Luft und abends zeitig
schlafen gehen.
24.
2. 1983
Von der Uniform wurden die Knöpfe
abgetrennt, es gelang mir auch, in Augsburg durch den Mühlenbesitzer einen
billigen Anzug zu bekommen. Die Haare würden ebenfalls länger. Meine Kinder
gewöhnten sich an den wieder aufgetauchten Vater besonders Sabinchen kannte
mich ja überhaupt noch nicht. Trotz der beschränkten und bescheidenen Wohnverhältnisse
lebten wir glücklich und zufrieden, waren wir doch endlich alle zusammen, und
der Krieg war aus. Über das Doppelte verdienten wir beiden Holzköhler mehr als
die Mühlenarbeiter. Beim zweiten Brand hatten wir den Ertrag verdoppelt, indem
wir nach einigen Stunden Brennen den oberen Eisendeckel öffneten - nicht ganz
ungefährlich durch die sofort 1,5 m breite Flamme, dann wurden halbierte dicke
Holzstämme nachgeworfen und der Eisendeckel wieder geschlossen. Nach einem Tag
war das Feuer erloschen, der Ofen konnte geräumt werden, wir beide sahen dann
ganz original nach Kohlenbrenner aus. Abgefüllt in große Papiersäcke
lieferten wir unseren Ertrag ab.
Zur Weihnachtszeit wurde ein kleines
Bäumchen aus dem Wald geholt, aus Draht Lichtdochte gedreht. Für die Kinder
hatte ich in meinen Abendstunden einen kleinen Schlitten gebaut, es gab ja
nichts zu kaufen. Und doch waren wir alle glücklich und genossen die
Weihnachtstage.
Unser Sohn Kurt war am 23, August
1945 geboren, ich kam am 9. September an. Im Februar wurde Muttchen Farak
unruhig und wollte heim, besonders als ein erster Brief von Erich Haidig, dem
Schwager kam mit der Botschaft, dass zwar eine fremde Familie in unserer
Wohnung wohne, aber sonst alles erhalten wäre, auch die Werkstatt bestand noch.
Muttchen Farak und ich machten uns also doch auf mit Gepäck bis Augsburg,
dort die erste Nacht verbracht, dann mit Zug bis in ein Umsiedlerlager nach
Eisenach, zuvor noch eine Nacht vor der Grenze. In der russischen Zone im Lager
kam die übliche Entlausung, dann zum Bahnhof, den wir leider erst spät
erreichten - alles überfüllt. In
einem dicht besetzten Wagen ohne Fenster fanden wir dann ein Plätzchen vor das
Fenster wurde mein alter Gummimantel gehängt, aus einem mitgenommenen Lodencape
war ein Mantel in Aichach geschneidert, so ab Richtung Dresden. Auf einem
Bahnsteig in Dresden in einem Wartehäuschen verbrachten wir die dritte Nacht
bis zum Morgen, leider stand der einfahrende Zug gerade mit dem letzten Wagen
vor uns, ich als Erster vor der Tür. Zwar fand ich einen Platz, aber Mutter
Farak stand draußen. Über die Puffer holte ich von der anderen Seite die
Koffer und rief ihr zu, sie müsse sehen, wie sie reinkomme. Wie ein Schneepflug
fuhr sie durch die Menge, doch konnten wir uns nicht auf die zwei Plätze (von
den Koffern besetzt) setzen, da wir in der Enge die Koffer nicht hochbekamen. In
Löbau kamen wir nachts an, zur Zeit der Ausgangssperre. Während ich zur Mutter
eilte-, an die Ladentür klopfte und einen Handwagen holte, stand Muttchen ängstlich
noch auf dem Bahnhof, Es gelang uns auch, unangehalten heimzukommen, erstaunt
betrachtet von meiner Mutter und Milke. Sehr müde und erschöpft ging es nach
kurzem Erzählen - ich oben ins Bett, Muttchen schlief auf dem Sofa im Putzzimmer.
Am nächsten Tag natürlich der
erste Weg zur Wohnung, die von einer Mutter, Tochter und Kind besetzt war. Nicht
gerade sehr freundlich wurden wir empfangen, die Tochter schneiderte und hatte
aus Hildes Unterwäsche Büstenhalter "Spitze Wiener Tütenform"
gefertigt und verkauft. Von meinen Anzügen waren nur noch die Westen da, die
Anzüge hatten sich Soldaten angeeignet, um heimzukommen. Die Tür war mit einem
Fußtritt geöffnet worden, Milke hatte sie provisorisch wieder verschlossen bis
zum Eingang der Untermieter. In Sterzels Weinkeller hatten wir zwei Anzugstoffe
eingemauert mit anderen Sachen, so konnte ich mit nach und nach neue Anzüge
schneidern lassen. In der Wohnung bekam ich das Wohnzimmer und die Schlafstube,
die anderen Räume hatten die Flüchtlinge. Sie heizten mit unserem Koks und
drehten mir die Heizung ab, Da ich jedoch wenig daheim war - ich schlief noch
immer bei Milkes -, störte mich das weniger. Muttchen besuchte auch sofort ihr
Haus in der Altlöbauer Siedlung, auch dort eine Familie mit Großmutter, Frau
und Kindern. Sie zog aber mit ein und vertrieb ihre Untermieter durch ihre
Reinigung und Wascherei, die sich nach einem anderen Quartier umsahen, es wurde
zu sauber, selbst waren sie etwas schmuddelig.
Eines Tages war die Tochter mit Kind
bei mir ausgezogen, sie hatte in unserem ehemaligen Kinderzimmer mit dem Ritter
Gottfried aus der Rittermühle geschlafen und vertrug sich nicht mit der Mutter;
ich musste den Dolmetscher zwischen beiden machen. Und einige Zeit später
fand ich einen Zettel in der Küche, die Mutter wäre nach München zum Mann
gefahren, die Aufwartefrau bezahlte sie mit unseren Küchengeschirr. Doch nun
war die Wohnung leer. Ich ließ alles neu malen, Fußböden streichen, denn
meine Familie musste ja nun kommen, sonst hätte man andere Leute mit
hineingesetzt. Indessen schickte meine Frau kleine Päckchen mit Weizenkörnern
und harter Wurst. Aus den Körnern wurde nach Einweichen Getreidebrei zum Frühstück
gemacht. Muttchen bereitete uns Mittagessen. aus der Wurst, Kartoffeln und Kräuter
aus Feld und Garten. Brennnessel und Löwenzahnblätter u. a. ersetzte fehlendes
Gemüse, bei Kunden ergattertes Mehl oder bei einem Kunden mit Fleischerei
besorgtes Fett und Fleisch half uns über die erste Zeit hinweg.
Plötzlich kam aus Riesa ein Telegramm, dass meine Frau mit den Kindern im
Umsiedlerlager
Auf die Nachricht hin, wann die Abreise erfolgte, machte ich mich am Abend
vorher auf und nahm einen Lehrling Schütze mit hin. Am Abend vor der Abreise
hatten sie dummerweise bereits des Gepäck aus dem Schuppen ins Freie geräumt,
es lag unbewacht da. Wir zwei bewachten alles, Schütze beim Gepäck, und ich
pendelte zwischen Schuppen und Bahnhofsvorstand die ganze Nacht hin und her.
Durch unsere Schweizer Freundin hatte ich West-Zigaretten mit, mit
deren Hilfe ich erreichte, dass für die ca. 25 bis 35 Mann ein Wagen
bereitgestellt wurde, da die Reise ja nicht wie gedacht Riesa—Dresden—Görlitz
ging, sondern über Falkenberg-Horka-Görlitz; also 3 mal umladen. Außerdem
nahmen die Umsiedler an -Schütze und ich, beide in Arbeitsanzügen-, wir
seien für das Gepäck verantwortlich. Zum Glück halfen ein paar resolute jüngere
Frauen eifrig mit. In Falkenberg musste das Gepäck auf den Karren geladen und
mit dem zum Glück funktionierenden Fahrstuhl zum unteren Zug gebracht werden.
Alle Abteile waren voll, wir hatten aber Glück mit dem Gepäck, der Gepäckwagen
war nicht zu voll. In Horka erwarteten wir den von Berlin kommenden Zug. Der
Bahnhofsvorstand machte unter großen Mühen einen halben Personenwagen
frei, die beiden Gepäckschaffner wollten nichts annehmen, wir warfen einfach
alles hinein. Die beiden lehnten jede Verantwortung ab und verzogen sich. In Görlitz
leerte sich der Zug. Auf Anfrage hörten wir, dass der Zug weiter über Löbau
fuhr, wir konnten unsere Kisten und Kästen für 2 Stunden drinlassen.
Auf der Post rief ich meinen Schwager in Löbau an - damals rechte Hand vom Bürgermeister
Gläsel -, er solle unsere Monteure zum Bahnhof schicken. Bei der Ankunft in Löbau
standen sie bereits da. Mit Jubel wurden wir begrüßt, ein bahneigener Gepäckwagen
beladen und durch die Stadt bis zur Wohnung Handwerkerstraße. Bald war alles
unter Dach und Fach, der Wagen zurück zur Bahn. Langsam richtete sich die zurückkehrende
Familie ein. Sabinchen fragte schüchtern, wo der kleine Waschraum wäre (sie
war ja die Lagerwaschräume gewöhnt, hatte noch kein privates Bad gesehen). Die
Nachbarin sahen mit Neid auf unsere Kisten, was wohl da alles drin sein möge.
Das Mitgebrachte hat uns noch lange Zeit geholfen. Endlich waren wir alle
zusammen, unser früheres Leben konnte neu beginnen, wir alle hatten den langen,
furchtbaren Krieg überstanden, Die Verluste an Sachen wurden nach und nach überwunden,
die Wohnung als solche hatte nicht gelitten.
Mit 400 M Geld und Resten von Material und Werkzeug begann ich erneut, das
Geschäft aufzubauen. Einen Teil der Werkzeuge hatte Kupferschmied Posselt
geholt, ich bekam manches zurück. Schwierig war die Beschaffung von Schweißmaterial,
besonders von Karbid, so manche Fahrt nach Hirschfelde musste unternommen
werden. Ein Schlosser und ein Klempner machten die ersten Anlagen; der eine
konnte Rohr verlegen, der andere schweißen. Da ich 1938 zufällig die Meisterprüfung
als Installateur gemacht hatte, kam ich 1950 in den Genuss der günstigen
Handwerkssteuer, es ging langsam aufwärts.
Sohn Kurt hatte mit den beiden Töchtern die Ebersdorfer Schule besucht und
abgeschlossen. Sabine kam in die 10-Klassenschule (Preuskerschule), während
Andrea nach 8 Jahren abgehen musste, damals gab es nur die 8-Klassenschule. Sie
lernte bei mir als technische Zeichnerin, während Sabine "was ordentliches
lernen wollte (bei Vater füllte es ihr wahrscheinlich nicht die Augen, sie
ging ins Motorenwerk nach Cunewalde) — auch als technische Zeichnerin. Sohn
Kurt lernte 2 Jahre als Heizungsinstallateur um dann 3 Jahre nach Erfurt auf die
Ingenieurschule zu gehen. Sabine arbeitete noch zwei Jahre bei mir als
Zeichnerin, machte in dieser Zeit in der Abendschule das Abitur nach, während
Andrea heiratete und noch bei mir blieb, so holte sie 10. Klasse nach und wurde
nach 6 - 7 Jahren Fernstudium Heizungsingenieur während Sabine nach Dresden
ging, erst bis zum Dipl.-Ing., aber vor Abschluss drei weitere Jahre als
Forschungsstudent den Doktor-Ingenieur - auch für Heizung ablegte. Kurt
wechselte nach 8 Jahren von der Ebersdorfer Schule in die Pestalozzischule bis
zum Abschluss der 10. Klasse um dann noch ein Jahr bei mir als Heizungsmonteur
zu arbeiten. Nach dem Anschluss als Heizungsingenieur in Erfurt war er kurze
Zeit in Kamenz als Heizungsingenieur, hatte geheiratet; seine Frau Inge geb.
Muschalek, zog mit ihm nach Greifswald erst in ein Projektierungsbüro, dann zur
Wohnungsverwaltung, seine Frau in das Städtische Projektierungsbüro. So waren
alle drei Kinder in Vaters Beruf eingestiegen.
Meine Schwester Gerda Haidig geb. Michel verlor ihren Mann Erich im KZ
Buchenwald nach dem Kriege (er war zur Polizei dienstverpflichtet gewesen) und
verzog 1950 nach Köln mit Sohn und Lebenskamerad, wodurch ihr Haus in Ebersdorf
frei wurde. Nach längerem Bemühen bekamen wir den Umzug genehmigt und wohnen
seitdem hier, konnten dann später das, Haus vom Staat käuflich erwerben, da es
ja durch den illegalen Verzug meiner Schwester nach das Westen Staatseigentum
geworden war. Vorher hatte ich bis zur Todeserklärung meines Schwagers darin
gewohnt.
Nach einer erneuten Vorstellung auf der Ingenieurschule in Erfurt bekam ich
eine Urkunde als Ingenieur, obwohl ich ab 1926 als Ingenieur in Italien und in
der Schweiz gearbeitet hatte. Meine Fachschulausbildung galt nur als
Technikerausbildung. Dadurch hatte ich dann die Projektierungs-Genehmigung vom
Bezirksbauamt Dresden und kann seit meiner 1973 aufgegebenen Ausführung von
Heizungsanlagen als Projektierungsingenieur arbeiten.
Nach dem Kriege haben wir etliche Reisen gemacht. 1969 wurde ich 65 Jahre
alt, und als Rentner konnte ich verreisen. 1970 fuhr ich des erste Mal zu meiner
Schwester Gerda und ihrem Lebenskameraden Gerhard Frenzel, ehemals Bürgermeister
von Ebersdorf und ebenfalls illegal verzogen nach Köln-Bickendorf. Sie hatten
sich mit ihrem Sohn Christian ein sehr hübsches Haus auf einem ehemaligen
Luftschifffahrtslandeplatz, an dem viele wilde Baustellen errichtet waren,
gebaut. Daneben Hof mit Garage und Werkstatt und Garagenräume, nach Westen
eine Reihe hoher Pappeln, davor ein schöner Garten. Von dort fuhr ich weiter
nach Konstanz, um meine frühere Bergkameradin Sabine Guhl, die gleichzeitig
Taufpatin unserer Tochter Sabine war, zu besuchen. Die Fahrt den Rhein entlang,
dann durch den Schwarzwald war wunderschön.
1971 wurde Hilde ebenfalls Rentnerin, und wir fuhren zu zweit nach Köln-Bickendorf.
Gerhard Frenzel war gestorben. Meine Schwester wollte nach Bergstein zu ihrem
Sohn. Vorher verlebten wir noch Wochen in ihrem Haus, bevor sie umzog nach
Bergstein bei Düren.
1973 fuhren wir ebenfalls wieder zu zweit nach Bergstein in Christians neues
Haus, mussten aber nach 10 Tagen zurück, da ich einen heftigen Ischiasanfall
bekam. Es gefiel uns auch gar nicht. Anschließend lag ich im Krankenhaus in
Rothenburg bis November, desgl. 1974.
1975 - 1983 zogen wir dann regelmäßige Besuche in Karlsruhe vor, wo wir
kostenlos in der Einraumwohnung von Andreas Schwiegervater Max Mlasowsky wohnen
durften, er kam in dieser Zeit nach Bautzen. Wir sind dann noch oft nach
Karlsruhe und von dort stets für 10 Tage nach Konstanz gefahren und genossen
die herrliche Umgebung des Bodensees sehr. Auch meinen ehemaliger Chef, Herrn
Biefer, konnte ich sprechen, besonders aber die ehemalige Bergbegleiterin Sabine
Guhl und ihren Bruder in Frauenfeld. Nun sind wir beide Senioren mit einer
reichen Enkelschar: 2 Enkeltöchter - Sabine und Katrin mit Enkelsohn Peter in
Bautzen; 5 Enkelsöhne Andreas, Stefan und Thomas in Greifswald und 2 Enkelsöhne
- Konrad und Martin in Dresden; und bald werden wir noch Ureltern. Wie viel
Freude hat uns das Leben neben Leid gebracht, und unser Glück hat uns stets
treulich begleitet !
1965 hatten wir über das Reisebüro eine Fahrt nach Bracov (Rumänien)
gebucht. Flug ab Berlin-Schönefeld bis Bukarest, dann Autobus bis nach
Poians-Bracov Kurhotel über Bracov. Herrliche Spaziergänge über die Berge,
Besuch des Schlosses Rosenau, Treffen mit dem Schweriner Arzt samt Frau und
Tochter,
Rückflug ebenfalls über Berlin-8chönefeld, etliche Tage noch in Berlin.
1966 Flug nach Sofia, Weiterfahrt mit Bus nach Pamporowo (Bulgarien). Besuch
des Klosters, Besuch von Plovdi, Heimfahrt Berlin-Schönefeld.
1967 Fahrt Berlin-Schönefeld-Sofia, dann weiter nach Borowetz, Berg
Musala 1895 m, Rila-Kloster, Heimfahrt Berlin-Schönefeld. Flughafenhotel
jedes Mal beim Rückflug auf gesucht und noch Tage in Berlin.