Im Krieg

Vor Kriegsausbruch war ich der Technischen Nothilfe zugeteilt worden, eine Zivilhilfstruppe. Unser Leiter war der Baumeister Czech, den ich durch Verweigerung einer Provision anlässlich eines Heizungseinbaues in einem Einfamilienhaus verärgerte, so dass er mich bei einer nächsten Einberufung zur TU in Dresden meldete, Und 14 Tage später bekam ich eine Einberufung nach der CSR. Zu dieser Zeit arbeitete ich nur noch mit zwei Lehrlingen, da der letzte Monteur Altus zur Armee einberufen wurde. Das hätte mir nach Kriegsende noch gefährlich werden können, indem Altus beim Versuch sich selbständig zu machen, angab, ich hätte ihn gezwungen, in die NSDAP einzutreten, oder ich würde ihn zur Armee freigeben, er war freigestellt für dringende Reparaturen. Nur durch das zufällige Eintreten meines Schwagers, damals die rechte Hand des Löbauer Bürgermeisters, wurde dies als unrichtig erkannt, da ich ja nach Einberufung meines letzten Monteurs sowieso den Betrieb schließen musste.  

Innerhalb von 14 Tagen musste ich die beiden Lehrlinge anderweitig unterbringen und nach Brünn in ein Ausbildungslager abreisen. Es gelang mir zwar, noch einen kurzen Urlaub zur Geschäftsabwicklung zu bekommen, doch bei der Rückreise sah ich einen langen Güterzug am Ankunftsbahnhof beim Verladen meiner Truppe. Ich versuchte zwar noch, nach Porlitz wegen meiner Sachen zu fahren, doch dort nahm mich sofort ein letztes Auto mit zum Zug, Meine Kameraden hatten alles mitgenommen, Abreise nach dem Kaukasus ! Nach endlos langen Zugfahrten landeten wir in Stawropol, mein Zug zurück nach Tichoretz, dann wieder Stawropol und in ein ehemaliges Fliegerlager, wo der Haupttrupp lag. Unsere Tätigkeit bestand in Quartiereinrichten, besonders für die Truppführer (Offiziersrang), der Rest primitiv in alten Räumen. Ich wurde als Ersatz als Schreiber der 3. Kompanie zugeteilt und hatte Pech, bei dem Unteroffizier unangenehm aufzufallen, ehemaliger Maurer und Fliesenleger. Im Ersten Weltkrieg 1914 — 1918 war er Unteroffizier gewesen, und der Kompanieführer Manko war ein entlassener Leutnant, wahrscheinlich wegen Suff entlassene, was er weidlich bewies. Noch mehr in Ungnade gefallen, musste ich den Tag über Nägel geradeklopfend. Als ich mich - gänzlich unmilitärisch beim 1A beschwerte, dass ich als Ingenieur von daheim von kriegswichtigen Arbeiten weggerufen worden sei (?) und wieder zurückwollte, landete ich beim Stab als Stabshelfer, d. h. als Schreiber beim 1A, Meine Tätigkeit bestand den ganzen Tag darin, vielleicht 6 bis 8 DIA-A4 Seiten mit dem Dienstbefehl zu schreiben. Essen im Offizierskasino, aber schnell, denn nur 15 Minuten Zeit waren gegeben, dann kamen die Herren Offiziere. Vom Spieß und Leutnant Manke a. D. wurde ich fürchterlich beschimpft, dass ich nicht den Dienstweg eingehalten hatte, was aber nichts mehr nützte.

Bei meinen anderen Stabshelfern wurde ich nicht gerade sehr gern empfangen, man ließ mich im Vorraum der Baracke schlafen. Im rauchte nicht, trank nicht und kaufte mir auf dem Basar statt Fleisch Mohrrüben und anderes Gemüse ein als ehemaliger Vegetarier. Nach Tausch meiner Zigaretten und Schnaps gegen Bonbons kam ich dann langsam zu Ansehen. Man gewöhnte sich an mich.

Nach einem Durchbruch der Russen gab es Alarm, wurde zwar wieder abgeblasen, doch unsere Oberen wurde es im abseits gelegenen Lager zu unheimlich, besonders, nachdem eines Nachts die ganze SS-Division irrtümlich durch unser Lager zog, Sie hatten den Weg verfehlt. Plötzlich kam der Abmarsch nach Stawropol! Dort landeten wir in einem ehemaligen Kasernen- oder ähnlichem Gebäude im Kellergeschoss, im Obergeschoss war vorübergehend. die obige Division einquartiert. Nach Abzug dieser hätten wir das Gebäude, aber nicht lange; eines Abends brannte das Gebäude ab, wir verzogen bei 25 - 30° C Kälte in ein Lazarett. Am nächsten Tag holten wir noch etliche unserer Sachen aus dem Keller, es brannten schon die Deckenbalken. Ein einziger Lkw war zum Anspringen gekommen, er schleppte nach und nach die Anderen an, unser Stabs-Lkw war der letzte und jeder fuhr sofort los, und zwar den Russen entgegen, weil die Straße noch frei und gut war. Nach etlichen Tagen landeten wir auf der Taman-Insel in einem kleinen Dorf. Die tagelange Fahrt war äußerst kalt gewesen und das auf den Autos Tag und Nacht. Es gäbe viel davon zu erzählen.  

In einem kleinem Dorf setzten wir uns für einige Wochen fest, d.h. die 3 Kompanien ohne Offiziere, es blieben nur die Feldwebel, und die hatten es nicht eilig, wieder zu diesen hohen Herren zu kommen. In einem kleinen Bauernhaus lagen wir zu dritt, ich hatte sogar eine Art Paradebett, in welches sich die beiden anderen erst nicht legen wollten aus Angst vor Tierchen, später wollten sie - aber ich nicht! Unser Spieß schickte mich mit auf Wache wegen irgendeines Ärgers mit mir. Da ich ja durch meinen Motorradunfall eine Lähmung des rechten Augenlides hatte, war ich bei Wind und Kälte bald blind und musste mich am Ärmel meines Kameraden festhalten und führen lassen. Erkläre das aber mal einem Feldwebel!  

Ich meldete mich krank und fuhr mit einem kleinen Jeep los, der noch dazu umkippte und im Straßengraben landete. Am Koppel war ich eingeklemmt und musste warten, bis sie mich befreiten. Gut, dass der Wagen nicht brannte. - Da ich alle Anzeichen von Tbc kannte, mimte ich beim Arzt. Er wollte mich krank schreiben, ich wiederum wollte aber bei der Kompanie bleiben, da die Kranken mit Flugzeugen abgeholt wurden und viele Wochen später erst, wie wir vorher wegkamen. So landete ich als GV (Garnisondienstfähig) mit entsprechendem Empfang durch den Spieß. Nach langer Zeit holten uns unsere Lkw‘s ab zur Überfahrt auf die Krim.  

Endlich kam der Befehl, ab nach der Krim. Am Ufer mußten wir warten, bis eine Fähre kam, erst Entladung unzähliger Benzinfässer, dann konnten wir einsteigen. Die Matrosen flößten uns Angst ein, es würden durch Tiefflieger die meisten Fähren versenkt. Daher allgemeines Frohgefül, endlich am anderen Ufer aussteigen zu können. Nach längerem Marsch in einem Gebäude ohne Dach die Nacht schlafend verbracht trotz Fliegerbomben in nächster Nähe. Dann Weiterfahrt nach der Hauptstadt und endlich wieder bei unseren Herren Offizieren. Wir waren ihnen mit Verspätung nachgereist.  

Ich schlief bei einer Frau - ebenfalls wieder in einem Prunkbett; als Licht eine kleine Benzinlampe, das Licht wie eine glühende Streichholzkuppe. Als bester Maschinenschreiber diktierte mir unser 1 A den Rückzugsbericht. Wehe, ich vertippte mich. Aber sonst hatten wir weiter nichts zu tun, als das Ende des Krieges abzuwarten.

Endlich kam der Befehl, Heimfahrt bis Polen. Bis zum Dnepr ging es per Lkw, dann zu Fuß über den zugefrorenen Fluss, Man für Mann extra, damit nur keiner einbrach.; dann per Zug nach Polen, ab Cherson bis nach Sambor, einem kleinen Städtchen in der Nähe von Przemyls. Nach einigen Wochen weiter nach Berlin.  

In Berlin wurden uns polnische und tschechische Studenten zu­geteilt, mit denen Wasserbassins auf den Straßen - neben andern Luftschutzarbeiten - gebaut wurden. Nach dem ersten Luftangriff auf Berlin wurden einige verletzt, daher wurden sofort alle zurück nach der CSR geschickt, und wir mussten diese Arbeiten allein ausführen. Unser Stab lag in einem Gebäude der Reichsbahn und hatte dadurch 4 Gebäude luftschutzmäßig zu betreuen. Ich selbst lag mit drei Stabshelfern in einem ehemaligen Bürozimmer. Wir zwei am Fenster Liegenden hatten auf dem Nachttisch Telefon, von dort habe ich manchmal abends meine Frau in Löbau angerufen. Es gefiel uns soweit gut, unsere Kompanien waren in Berlin verteilt. Da ich vom 1 A Stabshelfer zum II A abgesetzt wurde, d. h. Waffen und Geräte samt Inventurlisten, war ich tagsüber viel in Berlin unterwegs, hatte viel Freiheit. Dazu gehörten am Nachmittag Kinobesuche.  

Die Luftangriffe beschränkten sich meist auf die Außenbezirke, daher war ich erstaunt, im Kino in Zoonähe Luftalarm zu bekommen (man musste viele Kinostücke zwei- bis dreimal ansehen, um das Ende zu erleben. Ich ging daher in den nahegelegenen Zoobunker.  

 

22.       2. 1983  

Außer einigen dumpfen Knallen war nichts zu hören. Dann kam die Entwarnung, der Menschenstrom bewegte sich zum Ausgang die Treppen hinunter, doch ein gleich starker Strom kam die Treppe herauf. Nach unten zu war ein immer heller werdender Rotschein zu sehen. Beim Austritt erschrak man, alles war blutrot alles, was nur irgend brennen konnte, brannte lichterloh, Bäume, Sträucher, Häuser. Eilends strömten die Menschen auseinander. Mein Weg war zum Brandenburger Tor durch den Tiergarten. Dort brannte auch alles, was nur irgend brennen konnte, Bäume, abgestellte Autos und Autobusse. Im Quartier angekommen, eilte man zu den Wasserschläuchen. Unser Haus hatte nichts abbekommen, doch von den 5 Häusern der Reichs- bahn brannten drei. Die ganze folgende Nacht versuchten wir zu löschen, das Wasser floss über die breiten Marmortreppen wie ein Bach, rechts und links stellten wir mit Sand gefüllte Löschtüten, Gegen Morgen hieß es, alles hinlegen und ruhen, obwohl zwischenrein nochmals Alarm; es kamen die Aufklärungs-Flugzeuge um den angerichteten Schaden zu fotografieren. Wir schliefen bis mittags, Essen fassen und gegen 3 Uhr saßen wir in unseren Zimmern, als plötzlich wieder Alarm kam. Ich mich an und brachte vor allem außer dem Privatgebäck meine Inventurlisten und die Schreibmaschine ins Erdgeschoss in eine Abstellkammer. Meine drei Zimmergenossen saßen in Hausschuhen und Hemd und Hose beim Kartenspielen trotz Alarms, als schon die ersten Bomben in unmittelbarer Nähe fielen. Alles eilte in den Luftschutzkeller des Nachbarhauses wo nur der Dachstuhl verbrannt war, aber der besser und sicherer war als unserer. Nun ging es Schlag auf Schlag. Vom Nachbarkeller ging ich noch einmal zurück zum Waffenlager unter der Eingangstreppe, um Kerzen und Lampen zu holen in der Voraussicht, dass das Licht verlöschte. Noch mit der Stahltür in der Hand, durchschritt ich die Tür, als es einen gewaltigen Knall gab, die Tür zuschlug und ich in den Keller gedrückt wurde. Eine Bombe war im 1. Stock eingeschlagen und hob buchstäblich das ganze Haus außer dem Treppenaufgang mit den daran gelegenen Stahltresoren, hoch und verkehrt in den Garten. Natürlich war das Licht aus, meine Lampen wurden angezündet, alles war vol1er Staub und Mörtel. Wäre ich eine Sekunde später in den Nachbarkeller gegangen, lag ich unter den Trümmern des Kellers, unter dem Koks, der tagelang brannte, oder steckte noch im Raum unter der Treppe bei den Waffen und der Munition, die tagelang knallte und explodiertet.  

Aus den Nachbarkellern kam die erst auf dem Dach postierte Luftschutzwache und brachte eine verstörte Frau mit Kind mit. Aus dem Hauseingang wiederum erschien ein Kamerad, der vor der verschlossenen großen Haustür stand, ein großes Tor. Der Luftdruck einer Bombe hatte das große starke Tor ins Haus gedrückt und ihn mit, es war ihm aber nichts passiert. Alle Türen und Tore hatten zwar offen stehen sollen, doch der Hausmann der Reichsbank hatte sie geschlossen aus Angst vor Diebstählen. Nach einigen Stunden begannen wir, durch die Häuser und Räume zu gehen, im schönsten Gebäude hingen die Gardinen zum Fenster hinaus und begannen an zu brennen. Wir wollten das Haus retten, doch unser Kommandeur hatte die Hosen voll und schickte mit einem Auto Nachricht an eine Kompanie Nord, um uns zu holen, Nach einiger Zeit kamen sie auch, ich hatte inzwischen meinen Inventurkasten und Schreibmaschine geholt, der Abstellraum begann durch eine Stabbrandbombe zu brennen. Es war ein Glanzstück unserer Kameraden aus Ost, durch die verwüsteten Straßen zu fahren, um uns zu holen. Die Fahrdrähte der Straßenbahnen hingen herab, überall Bombentrichter, Blindgänger, verwirrte Menschen. Wir mussten die Häuser ihrem Schicksal überlassen, jeder versuchte sein Hab und Gut noch mitzunehmen, vor allem die Kisten mit Wein und Sekt der Offiziere (viel davon wurde unterwegs gestohlen!) bis zum Norden in eine ehemalige Schule, in der eine Kompanie von uns lag, Dort blieben wir aber auch nur eine Nacht, denn sie setzten in unmittelbarer Nähe eine Luftmine, alles fiel auseinander, Türen und Fenster flogen heraus, Wir alle durften die Schule nicht verlassen, obwohl wenige Häuser weiter Frauen beim Löschen und Bergen waren, denen wir gern geholfen hätten.  

Das alles war zu viel für unseren Kommandeur, einem Wiener, der den früheren, einen Heizungs-Ing. aus Potsdam (aus dem Kaukasus) abgelöst hatte, Er zog mit dem Stab nach außerhalb, Lichterfelde- Süd in ein ehemaliges Kinderheim, schön in einem Park gelegen. Wir selbst hatten Bombenurlaub erhalten und waren heimgefahren. Als wir wiederkamen, ging es ab nach Süden. Dort fanden wir uns nach und nach wieder ein. Es wurde da ganz gemütlich; große Küche, Kisten mit Fensterglas standen im Keller, zwei bis drei Mann wurden jeden Tag los geschickt, um Essen in jeder Form herbeizuschaffen. Die Führer, jetzt Offiziere genannt, führten mit uns ein schönes Leben. Zur Spargelzeit gab es sogar einmal für alle Wiener Schnitzel mit viel Spargel. Unsere Oberen führten ein gemütliches Leben, wir haben redlich mitgeholfen den Krieg zu verlieren. Der in Berlin zurückgebliebenen Kompanie ging es weniger gut. Ich hatte es ebenfalls gut, fuhr mindestens jeden Monat dreimal über Sonntag nach Hause, zweimal mit Arbeiterrückfahrkarte (wir waren ja keine Soldaten) und einmal mit Urlaubsschein. Da ich Zugang zum grünen Stempel meines II A hatte, schrieb ich ihn mir selbst aus.  

Gar manchmal kam ich verspätet an, da es in der Nacht irgendwo einen Angriff gab, die S-Bahn fuhr nur stückweise, Es war erstaunlich, daß es immer wieder ge1ang, die Bahn zum Fahren zu bringen. Einmal hatte ich es auch verschlafen und kam erst mittags ins Stabsquartier. Es wäre nicht aufgefallen, wenn mich nicht ein Hamburger, ein etwas weniger feiner Kamerad, angezeigt hätte. Daraufhin am Morgen eine große Gerichtsverhandlung, alle Offiziere (sie hatten ja Zeit und Langeweile); der Gerichtsoffizier ein Holländer, verdonnerte mich zu 1/4 Jahr Urlaubssperre und Ausgangsverbot für einen Monat.

Meinen Kameraden erzählte ich gerade mein Pech, als Alarm kam. Wie gewöhnlich, stellte man seine Koffer und Gepäck vors Haus, diesmal vors Haus und nicht hinten in den Garten. Unser Luftschutzbunker war in einen Sandhang eingegraben, L-förmig mit abgeschrägten Ecken. Unsere Herren Offiziere saßen beim Bürgermeister in einem mit viel Holz und Niet abgedeckten extra Bunker, abseits von unseren. Es kam Entwarnung, die Flugzeuge flogen Richtung Cottbus. Im Begriff, unser Gepäck ins Haus zu schaffen, sahen wir plötzlich viele Pulks von Flugzeugen, meist 35 bis 40 Stück auf einem Pulk von Süden herankommen. Also das Gepäck liegen gelassen und zurück in den Bunker, als es auch schon krachte. Die Flugzeuge warfen die Bomben auch schon lieber etwas weiter draußen ab, zumal in nächster Nähe. eine gewaltige Flakbatterie mit 10,5 mm Geschützen stand, die schwer beworfen wurde. Ich war durch den Offiziersgang eingestiegen, musste aber von einem Stuhl weichen, auf den sich ein Küchenarbeiter seitlich setzte und mich weitergehen ließ zu meinem Glück, Neben mir saßen noch drei oder vier Frauen, ich stand an einer Ecke, Plötzlich ein dumpfer Knall. mir flog Sand ins Gesicht, das Licht verlosch. In meiner Gasmaske hatte ich stets Streichhölzer und Kerzen. Angebrannt, nach rechte war nichts zu sehen, nach links, da saßen die Frauen bis zu den Sitzflächen im Sand, dahinter Balkentrümmer, aus der der Kopf unseres alten 60-jährigeu Sanitäters heraussah (ihm war nichts passiert, er bekam einen langen Urlaub und hatte aber bei uns keine Freunde, da er alles KV schrieb). Im vorderen Teil hatten die meisten unserer Offiziere gestanden, darunter auch ein zu Besuch gekommener, dann der Stabsgefreite, der mich mit angezeigt hatte, Dem Kamerad, der sich auf den Stuhl gesetzt hatte, war der Kopf zerquetscht, es traf ihn statt meiner, In der Nähe hatte eine Kompanie Soldaten geübt, sie kamen sofort und gruben den eingefallenen Grabenteil aus, alle tot. Alle, die mich noch vor 1 bis 2 Stunden verurteilt hatten, waren tot, bis auf den Stabsgefreiten, der mich als Erster angezeigt hatte. Die Dorfbewohner und unsere Kameraden verließen unbeschädigt den Sandbunker, Im Haus selbst war eine Wand (Giebel) eingestürzt, wir holten drei Mann dort raus, die selbst sich nicht befreien konnten. Die Unmenge Bomben von einem ganzen Pulk hatte lediglich unseren Bunker getroffen, einen Viehstall. Um ein Haus waren drei bis vier Bombentrichter. Alle Fenster waren natürlich eingedrückt, der, Sand aufs Dach gehoben, aber dem Haus, selbst war nichts geschehen.

Nach Aufräumungsarbeiten ging es dann bis zum Abend weiter. Mein Koffer war durch den Luftdruck über den Boden geschleift, alles lag schichtweise unzerstört da, sogar Rasierklingen und anderes Kleinzeug war zu finden, nur die wollenen Strümpfe waren nicht zerrissen, aber Loch an Loch.

Unsere Offiziere verzogen sich in die Stadt, wir in den nun nach Süden offenen Luftschutzbunker, als in der nächsten Nacht unweit des Hauses eine Luftmine herunterkam, dass uns die Hosenbeine nur so flatterten. Unser ganzer Haufen wurde nach Biesenthal verlegt, zum Hauptlager der Ordnungspolizei (deren Stiefelputzer wir eigentlich waren); nur ich kam zu meinem guten Kameraden Paul Wolf aus Potsdam, und zwar nach Süden in der Nähe einer Autofabrik, die Lkw's für Afrika produzierten, alles entsprechend gestrichen. Unser Lager war im Obergeschoss einer großen Straßenbahnhalle, mit 6 - 7 Mann zu denen ich kam, um das Inventar zu bewachen. Bei Luftalarm hatten wir keinen Zugang zum Bevölkerungsbunker, sondern mussten uns irgendwo verstecken. Es passierte aber dort nichts obwohl wir Bedenken wegen der straßenweit aufgestellten Lkw's hatten. Plötzlich kam ein Befehl, das ganze Lager nach außerhalb in eine ehemalige Burg zu schaffen. Mit einem Lkw, mit Holzgas betrieben, fuhr ich mit einem Bayern vielmals, um alles nach der Burg Eisenhart (so hieß sie wohl) zu schaffen. Unterwegs ging es aber nicht auf der Autobahn sondern auf abseitigen Wegen der Tiefflieger wegen. Ich hing meist draußen mit dem Kopf und musste den Himmel beobachten. Es hat aber immer geklappt.  

Nach Lagerräumen kamen wir alle auch nach Biesenthal, ich war wieder Stabshelfer in der Offiziersbaracke. Die Herren von der Polizei hatten sich da ein idyllisches Plätzchen errichtet, ich erinnere mich noch, dass wir einen Tag vor dem Abzug der ganzen Bande nach Mitteldeutschland den Platz vor der Offiziersessenbaracke mit Solonthofer Platten pflastern mussten. Selbst musste ich oft nach Berlin zu den Resten der Kompanie wegen Waffen- und Werkzeugkontrollen, obwohl sich niemand mehr darum kümmerte, aber es war eben für mich eine Aufgabe, mal raus zu kommen. Dauerte meist einen ganzen Tag, zum Schluss nur noch mit dem Fahrrad zu bewältigen, nach den schweren Angriffen kamen nur noch jede Nacht die leichten Verbände, die mit einer schweren Luftmine eine noch schwerere Bombe waren, meist auf Straßenkreuzungen.  

Eines Nachts gab es Alarm, alles mit Waffen antreten, die Russen waren irgendwo durchgebrochen. Nach etlichen Stunden Wartezeit alles zurück, aber es gab ein tolles Gefahre und Autogeräusche. Wir waren erst die 4. Kompanie, bei den meisten anderen Kompanien war der niedrigste Dienstgrad ein Major, Und über Nacht wurden wir erste Kompanie mit den modernsten Waffen (erst hatten wir uralte). Das ganze Lager war nach Mitteldeutschland verlegt, nur wir Älteren sollten das Lager bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Doch bald wurden wir bei Annäherung der Russen auch verlegt, die ganzen Herren und Restmannschaften nach Mitteldeutschland, nur ich hatte das Pech, einer zurückbleibenden Kompanie zugeteilt zu werden. In einer Gaststätte lag ein Haufen von ca. 20 Mann, ein Offizier Timmroth, und ich als Helfer für ihn. Jede Nacht in den Bunker, schlechte Verpflegung wurde von Norden geholt. Bis  eines Tages die Essenholer kamen: die Russen seien in der Nähe der Küche, die Küche weg. Ich wurde in ein Polizeilager in der Nähe geschickt, dort war niemand mehr da. Also unser Leutnant nach langem Zögern auch weg. Unser kleiner Panjewagen mit zwei Pferden wurde geholt, darauf Sprengmunition jede Menge geladen und ab nach der Innenstadt. Nach Durchfahren  einer Panzersperre quartierten wir uns für eine Nacht in verlassenen Wohnungen ein, am Morgen sollte ich Kaffee holen gehen. An der Panzersperre lachten mich die Männer aus, ich müsste doch gegenüber die Russenpanzer sehen. Ich eilends zurück, Anschnauzer, das wäre nicht wahr. Unser Leutnant mit mir zurück, bis er selbst die Panzer sah. Nun aber schnell in die Stadt.  

Im Hauptlager Ferbelliner Platz kamen wir unter noch mancherlei Ereignisse. Einmal fiel eine scharfgemachte Panzerfaust vom mit Sprengmaterial höchster Gefahrenklasse beladenen Pferdewagen. Wenn die gezündet hättet wäre von uns und der ganzen Umgebung nichts übrig geblieben.  

Es gab noch manche böse Überraschung, bis es eines Tages ganz dick kam. Alle restlichen Mannschaften wurden zum Einsatz weggeschickt; ich auch mit, der ich sonst bei den Resten unserer Waffen zurückbleiben musste. Ich suchte mir ein Gewehr (alte österreichische Karabiner) heraus und marschierte mit zum "Wilden Eber“ im Süden. Dort warteten wir lange, bis es plötzlich schoss. Wir wurden vorgeschickt, sahen aber niemanden, bis es plötzlich auf uns schoss. Ich musste Munition aus einem Lager in einer Parkstraße holen, da sah ich den ersten Panzer und viele Russen und konnte eilends wegrennen. Nach einigem Hin und Her schoss mein Leutnant und ich auf die anrückenden Russen. Um mein Gewehr mühsam zu laden, trat ich zur Seite, als der Leutnant taumelte, sie hatten ihn in den Hals getroffen. Mühsam schleppte ich ihn noch ein Stück, dann half ein Soldat, ihn auf einen fahrbaren Gartenstuhl zu legen und bis zur nächsten Rotkreuzstation zu bringen, wo nur noch Schwestern waren, die Ärzte waren geflohen. Ich musste ihn verlassen als kampffähiger Mann, er starb gewiss bald darauf.  Bei meiner Rückkehr ins Quartier waren wir nur wenige Mann, um dann kurz darauf am Kuhdamm in einem Haus als innere Hauswache eingesetzt zu werden, dann wieder ein wenig vorwärts, eine Nacht in einem Keller, dann wieder zurück. Verpflegung gab es schon lange nicht mehr. Der Haufen schmolz immer mehr zusam­men, bis wir den Befehl bekamen, nach Norden zu ziehen. Inmitten einer langen Reihe von Zivilisten und Militär zogen wir nach Spandau. Dort wurden wir dazu eingesetzt, die Russen aus Spandau zu vertreiben, meist wir Älteren ohne irgendwelche Ausbi1dung. An einer zerschossenen Straßenbrücke trieb uns ein Offizier mit Ritterkreuz schreiend aus einem Panzer über die Brücke und los gegen den Feind. Ich rannte über die Brücke unter Beschuss, wollte in ein Haus voller Soldaten, wurde herausgeschoben und rannte in Todesangst weiter. Über einer Straßenkreuzung lag von rechts und links Pakfeuer. Man musste abwarten, bis ein Schuss gefallen war und dann hinüberrennen, was ich auch tat. Drüben war ein Trupp Soldaten und Zivilisten, aus den Häusern winkten sie nach rechts. Wir rannten los. Ein paar Frontsoldaten sagten uns: ,,Wenn Ihr Russen seht - drauf los und ,Hurra.‘ geschrieen und in die Luft geschossen, dann reißen sie aus.“ Gesagt - getan, als aus einer Kaserne Russen herausquollen. Wir drauf zu, und sie zogen sich ebenfalls eilig zurück. So rannten wir fast eine Stunde kreuz und quer durch das von den Russen besetzte Spandau. Wo wir auftauchten, wurden die weißen Fahnen eingezogen (es stand Todesstrafe auf das Hissen weißer Fahnen), aber von überall her schoss es. Plötzlich waren wir im Stadtpark und konnten weiter raus. An einer Straße lagen wir im Gebüsch und wollten darüber, doch es kamen stetig Lkw‘s mit Russen von rechts nach links. Plötzlich drehten sie um und wir erblickten deutsche Soldaten, mit denen wir mitliefen. Es folgten dann einige Tage durch Wälder, müde manchmal irgendwo genickt, manchmal im Laufen geschlafen bis wir endlich als wüster Haufen auseinander liefen. Manche hatten sich schon Zivilsachen beschafft und angezogen. Ich fand zwei Kameraden, die auch nach Bayern wollten (ich hatte als letzte Post aus Biesenthal eine Karte meiner Frau bekommen, auf der die Adresse und einige beruhigende Worte standen). Nachts schliefen wir in einer Scheune, stopften uns als Proviant die Taschen voll mit Körnern und zogen weiter bis zu einem verlassenen Bauernhaus, auf dessen Tisch kalte gekochte Kartoffeln und Speckfett standen. Heißhungrig stopften wir alles in uns hinein, Beim Herausgehen (ich hatte mir alte zerrissene Zivilsachen angezogen und die Uniform vergraben, die Militärpapiere hinter einen Schrank geworfen) kamen Polen mit gezücktem Gewehr, sie sagten zu meinen beiden Jüngeren "Du Soldat," und zu mir "Du nicht Soldat", und ich Esel sagte "ich auch Soldat", Daraufhin bat ich den Polen mitzukommen, zog meine Uniform aus dem Sand und wieder an. Unterwegs er leichterte er mich um die Armbanduhr und meine Stiefel, da für bekam ich ein Paar Riesenstiefel aus Gummi, In einem Gutshof bekam ich mit noch anderen Gefangenen Brot und Butter, dann wurden wir Richtung Westen zu einem Sammelplatz transportierte. Wir mussten, Autos entladen und allerlei Hilfsarbeiten verrichten. Dann landeten wir in Rathenow in einem ehemaligen Militärgefängnis, wurden verpflegt und gesammelt bis zu einem großen Transport, Aus einem alten Abfallhaufen suchte ich mir alte Schnürschuhe als Ersatz für die unförmigen Gummistiefel, mit Stücken von Lederschnürsenkeln, die mir bis 1950 und länger gute Dienste leisteten.  

In einem Transport von über 1000 Mann ging es ab in Richtung Berlin. Mein Bestreben war es, möglichst meinen Mantel und einige kleine Bekleidungsstücke zu erhalten, Strümpfe, Hemd und Unterhose, Rasierapparat (alte Klingen aus dem Abfall gesucht und an der Hand geschärft) usw.

 

23.       2. 1985

 

Bei der Durchsuchung durch einen Offizier, natürlich nachts wie üblich bei den Russen, gab ich ihm meinen Füller Tintendreifarbenstift, Bleistift, dafür untersuchte er mich nicht weiter, daher hatte ich noch so manches wie Taschenmesser, Rasierapparat usw. Von Rathenow marschierten wir weiter bis Nauen, unterwegs gab es Ausfälle durch nicht mehr marschfähige Gefangene, u. a. durch den längsten Mann Deutschlands, sicher ein Artist, er starb obwohl ohne Gepäck, er durfte sich an einem Wagen festhalten. Ich war meist bemüht, sich an der Zugspitze aufzuhalten, schleppte trotz Hitze im Mai mein Gepäck mit Mantel. In Rathenow Übernachtung  in einem leeren Bauernhof, durch Schleppen voll Wassereimern - durch die mitleidigen Dorfbewohner gestellt - verpasste ich es, rechtzeitig einen Schlafplatz zu finden. Mein Nachtquartier war daher ein Dachziegel­haufen - zwar unbequem, aber besser als nichts und ich war todmüde.

Am nächsten Tag Weitermarsch nach Berlin. Gelegenheiten Ausreißen gab es genügend, nur wenige Wachsoldaten behüteten den ganzen Zug. Doch man hatte uns gesagt, wir bekämen in Berlin einen Zettel, dass wir unbehelligt heimlaufen könnten, was wir auch glaubten.

Gegenüber einer Baracke, in der ich früher dienstlich zu tun hatte, wurden wir in einer anderen eingesperrt. Beim Ha1t auf der Straße jammerte ein kleiner Soldat, vielleicht 14 bis 15 Jahre alt. Dort ist unser Haus - wir sagten ihm "hau ab", da wir ringsum von Leuten umgeben waren, er wollte nicht. Da gaben wir ihm einen Schubs, er flog zwischen die Füße der Umstehenden und verschwand endlich.

Weitermarsch bis zum Preussag Zementwerk in Rüdersdorf, dort davor Nachtlager im Freien, immer mit der Versicherung, wir könnten gleich wieder gehen. Am nächsten Tag Einmarsch ins Fabrikgelände, und aus war es mit der Möglichkeit wegzukommen; für viele die letzte Möglichkeit, abzurücken, denn später dann ab nach Russland (es hieß zum Ernteeinsatz in Polen). Nach einer Woche stumpfsinnigen Herumlungerns in dem weitläufigen Lager meldete ich mich mit zur Demontage des damals modernsten Zementwerkes und war als einziger Rohrfachmann sofort eingesetzt, da die gesamte Zementfabrikation automatisch über Rohrleitung, durch Druckluft bewegt, vor sich ging, Die erste Woche schlief ich auf einem alten Tische, auf dem wir versuchten zu zeichnen, dann kam ich in einen Keller, den Ingenieurkeller, wo wir uns Pritschen errichten konnten, Ich hatte als zuletzt Angekommender sogar eine Einzelpritsche für mich, Es gab mir zwei Elektrokochplatten im Werk, eine beim Kommandanten und eine bei uns. Da unser Kocher sehr begehrt war, bekamen wir immer von den in der Küche gestohlenen Kartoffeln usw. als Miete die Hälfte ab, Wir konnten uns aber auch selbst etwas kochen. Früh um 4 Uhr war Wecken, dann gab es eine drittel Konservendose Suppe mit etwas Trübung und viel Salz und gegen 8 Uhr noch 600 - 800 g feuchtes Brot, was wir uns trocknen mussten. Das war die ganze Tagesverpflegung ! Durchfall war die Folge zumal nebenher noch gewaltige Mengen Wasser getrunken wurde, um den leeren Magen zu füllen, Wir als Demontagetruppe bekamen ab und zu eine Extraration, doch nur für die Hälfte der Mannschaft als Anreiz zur Mehrleistung, doch haben wir stets heimlich geteilt. In unserer Nähe war der Vorratskeller. Wir sahen, dass genügend Lebensmittel ausgeteilt wurden, doch in der Küche wurde wie üblich geschoben. Alle 14 Tage bis 3 Wochen steckte eine russische Ärztin das Küchenpersonal in den Arrestbunker; 8 Tage lang war es denn etwas besser1 dann das gleiche Spiel der neuen Leute - mal 8 Tage lang Weißkraut mit Rapsöl, dann gekochte Weizenkörner mit Rapsöl, dazu viel Salz. Im Lager war ein großer Bunker mit feinstem Tafelsalz davon streuten sich die meisten dicke Schichten aufs nasse Brot. Demzufolge gab es viel Wassersuchtkranke und Aufgeschwemmte, viele Hungerkranke absichtlich, um ins Lazarett und raus zu kommen - für viele aber der Tod, da sie nicht wussten, wann aufhören. Die Behandlung war gut, obwohl der Arrestbunker stets voll war, Ich grüßte sogar mal den Lagerkommandanten mit erhobener Hand als automatische Ge­wöhnung der letzten Jahre, er lachte aber nur und schickte mich weiter. In einem kleinen Tagebuch habe ich die Ess-Phantasien aufgeschrieben, auch so manches andere.

Da im Werk alles Material mit Druckluft transportiert wurde, gab es große Mengen Rohrleitungen aller Art und Größen. Das Werk sollte demontiert und am Schwarzen Meer neu aufgebaut werden. Meine Aufgabe war es alles zeichnerisch festzuhalten - natürlich nur in Skizzenform. Man teilte mir 10 bis 15 Mann zu, viele Dipl.-Ing. usw. zum Abzeichnen, sie fingen mit der Mittellinie an, was bei einer Skizze Unsinn war. Jedes Rohrstück bekam zwei deutsche und fünf russische Bezeichnungen, die auf der Skizze festzuhalten waren, ein schöner Zeitvertreib. Leider kamen später Ostarbeiter (von den Deutschen früher beschäftigt) und strichen die Rohre mit Farbe, also alles nochmals bezeichnen. Wahrscheinlich wird keines der Rohre das Schwarze Meer erreicht haben, Es hieß: ,,Wozu Rohre, Karre mit Mann macht es besser".  

Einige Episoden aus dem Lagerleben:

Wieder einmal wurden alle zum Arzt aufgerufen; Untersuchung hinsichtlich Tauglichkeit zum Arbeitseinsatz nach Polen (hieß es, aber es war für Russland gedacht, von Wladiwostok bis sonst wohin). Nackt standen wir vor der Baracke und sahen durchs Fenster dem Arzt zu. Hineintreten, eine kurze Besichtigung, evtl. Prüfen von Arm- oder Beinmuskeln, dann ein oder zwei Striche auf dem Blatt und dann der Nächste. Nie sah er hinter jemandem her. (1 und 2 Striche bedeuteten abmarschfähig. Er machte auch bei mir die beiden Striche, ich war aber bisher meist Gruppe 3 oder 4 gewesen. Beim Anziehen sagte ich zu einem Kameraden, der hinter mir stand; ,,So ein Pech, bisher hatte ich stets Gruppe 3 oder 4 und diesmal 2“, Er erzählte mir aber, als ich hinausging, habe der Arzt hinter mir herge­sehen und noch. einen Strich, hinzugefügt, was ich nicht glaubte, hatten wir doch lange von draußen zugesehen. Am nächsten Tag wartete ich nach einer fast schlaflosen Nacht auf das Aufrufen der Abzumarschierenden und fragte unseren Spieß, ob ich dabei sei. Später sah ich meine Karte, darauf waren zwar 2 gleiche Striche, aber ein dritter schräg dazu. Diesem Bleistiftstrich verdanke ich wohl mein Leben, denn ob ich drei bis vier Jahre Russland ausgehalten hätte ?  

Nach einiger Zeit wurde das Lager aufgelöst bis auf etliche Spezialtrupps. Wir von der Demontagegruppe hatten schon einige Male in die Freiheit Entlassene abmarschieren sehen und wurden von ihnen meist ausgelacht: "Warum habt ihr Euch zur Arbeit gemeldet !“ So standen wir nach einer Nacht im Freien endlich auch vor dem Tore. Als Erster kam unser Antifa-Mann (Parteimann) dran, am Lager nochmals Kontrolle durch einen Offizier - er wurde zurückgeschickt. Denn ein Zweiter, ein Dritter. Ich ging automatisch zu ihnen, als mich der Offizier anschnauzte, ich solle zu den Ausmarschierenden. Wie war ich froh. Doch es war ein Irrtum, die anderen kamen später auch. Dass mir da mein Herz höher schlug, ist wohl verständlich, Vor dem Tor bekamen wir einen Teelöffel Zucker und ein Rädel Wurst als Tagesverpflegung ! Aber dann ab zur Straßenbahn, die bereits bis zum Lager fuhr, natürlich ohne Fahrkarte, keiner hatte ja mehr Geld. Entlassene KZ'ler oder andere Kommunisten konnten beim Lagerkommandanten in einen Waschkorb mit Geld. langen (wir mussten ja beim Eintritt alles abgeben).

Einer unserer Demontagegruppe, ein Dipl.-Ing, von Siemens war in einem Rohrleitungskanal ins Freie gekrochen und zurückgekommen, Das kam heraus und er wurde in die Baracke zu den SS-Leuten gesteckt. Ein dort Schlafender beim Eingang gab den Mann aus Angst an. Beim Zugtransport später über die Grenze trafen wir ihn zufällig Beim Austragen erzählte er uns. Der Lagerkommandant war durch die Baracke gegangen (sie mussten den ganzen Tag unbeweglich auf der Lagerstätte sitzen, nur abends durften sie unter strenger Bewachung aufs Klo geben) und hatte ihn gefragt ,,Na, was mach‘ ich mit Dir Schweinehund?‘, worauf der Mann antwortete: Entlassen Herr Lagerkommandant. Er durfte sofort raus; die anderen mussten bleiben. Was aus ihnen geworden ist? Wer weiß das!  

Einmal hatte ich auch mit dem Arrestbunker Bekanntschaft gemacht. Durch Verspätung wollte ich mir mit einem Kameraden Essen wärmen und zusätzlich eine Weizenschrotsuppe kochen (am Elektroschaltbrett konnte man durch die ausgebauten Armaturen mit einem angespitzten Rohr in Weizensäcke stechen und aus dem Weizen durch Quetschen Schrot erzeugen), Dabei erwischte mich die polnische Lagerwache, und ich saß in Kürze im Bunker. Nach einigen Stunden kam ein polnischer Offizier und verhörte uns, Meist gab es ein paar Ohrfeigen und einige Tage Arrest, d. h. den Tag über stehen, nachts durften sich die Arrestanten auf den Bunkerboden legen, Essen fiel aus, ich stammelte befangen meine Entschuldigung, Außenaufnahme, Ingenieurkeller zu spät zum Essen gekommen usw. Er winkte nach außen, ich bat aber noch für meinen Begleiter, auch er durfte gehen, nur die beiden geborgten Kochgeschirre waren weg. Später erfuhr man, dass dieser Offizier ein polnischer SS-Mann gewesen war.