Der Ingenieur
So waren die 12 Monate schnell
herum, es hieß Abschied nehmen und Arbeit suchen. Man dachte, sie würden auf
uns Studierte warten - aber nichts
war! Ich kaufte mir eine Schreibmaschine und schrieb auf jedes Inserat - alles
nichts. Ich versuchte es dann in Görlitz bei der Fa. Stangen & Co., als
Heizungshelfer kam ich an. Meiner Mutter Kaffeekränzel-Schwester war die Frau
des Kupferschmiedes Posselt in Löbau,. für den ich ab und zu ein kleines
Projekt machte. Er bot mir an, bei ihm als Heizungsmonteur zu arbeiten und nach
Feierabend die Projekte anzufertigen, letzteres natürlich ohne Bezahlung. So
kam ich allmählich in die praktische Arbeit. Damals kamen die Schweißapparate
auf, man nahm den Brenner in die Hand und versuchte es, bis es gelang, Vom 10.
11. 1925 bis 5. 2. 1926 schaffte ich an so mancher Heizung. Inzwischen
inserierte ich in unserer Münchner Fachzeitung ,,Gesundheitsingenieur" und
bekam ein Angebot von einer Firma Giacomo Horn aus Roma. Er wollte aber weniger
Zeugnisse, vielmehr Zeichnungen, die ich ihm schickte. Nach etlichem
Schriftwechsel
stellt er mich ab 15. 2, 1925 als Heizungstechniker ein, obwohl seine Tätigkeit
hauptsächlich in feinster Sanitärinstallation in Hotels und Villen sowie Palästen
lag.
Zufälligerweise bekamen meine Schwester und ich eine kleine Summe als
Aufwertung von Großmutters Papieren ausgezahlt, es langte gerade zur Fahrkarte
und für einige Wochen Unterhalt. Mein Koffer wurde irrtümlich nach San Remo
geschickt, da hier niemand wusste, wo Roma lag - ein Bahnerirrtum. In München
übernachtete ich und fuhr am anderen Morgen über den Brenner nach Verona. Kurz
vorher unterspülte ein Unwetter die Gleise der Brennerbahn, im Wasser lag eine
umgestürzte Lokomotive, die Geleise waren seitlich umgelegt. Die Nacht wurde im
Wartesaal von Verona verbracht, da ich ja nur 3. Klasse fuhr, Schnellzüge in
Italien hatten nur 2, und 1. Klasse. In der Nacht machte ich die Bekanntschaft
eines jungen Deutschen, der bereits öfter in Rom gewesen war, Hocherfreut
schloss ich mich ihm an, da ich ja sprachunkundig war, er radebrechte etwas
italienisch, Am nächsten Morgen ging’s mit einem Aceelerato, d. h.
Personenzug 3. Klasse, weiter nach Rom. Am späten Abend war es erreicht. Als
gewissenhafter Deutscher war der Kauf eines Stadtplanes unerlässlich, Leider
verirrte ich mich auf einer ähnlichen Straße, Alexandrina statt Alesandria.
Nur das Besteigen einer Droschke brachte mich zu meinem neuen Chef, Durch ihn
bekam ich dann mein neues Quartier etwas außerhalb der Stadt, romantisch
gelegen in einer kleinen Gasse, links schöne Einfamilienhäuser mit blühenden
Gärten, auf der anderen Seite eine weiße Mauer mit dick überhängenden blühenden
Glysizien, vor dem Zimmer eine große Edeltanne, bei einer Deutschen, angestellt
am Konsulat.
6. 1. 1982
Herr Horn war Deutscher aber naturalisierter Schweizer mit Schweizer Frau,
ein sehr genauer Herr, ehemals 0bermonteur meines zweiten Schweizer Chefs, Herrn
Geiger, mit dem er viele Hotels an
der Riviera zusammen erbaut hatte. Mit 10 bis 12 Monteuren - Deutschen,
Schweizer und Italienern - führte er beste Sanitäranlagen hauptsächlich in
Hotels, Palästen der adligen Italiener ohne jede Konkurrenz aus. Besonders
Hotels wurden damals mit fließenden Wasser ausgerüstet, die besseren Hotels
mit Bädern, wofür ein Gastzimmer geteilt wurden um zwei Bäder daraus zu
gewinnen. Bäder mit Einbauwannen, Waschbecken, Bidets und Klosetts wurden
installiert, mit neuer Warmwasserbereitung, neue Toilettenan1agen, alles in
einer
soliden Ausführung mit besten Schweizer Apparaten. In den Palästen wurden großartige
Installationen durchgeführt, mit Dauer des Baues über mehrere Jahre. Damals führte
er gerade die Installation eines Palastes an der Riviera aus. Das Bad der Dame
war achteckig mit Stufenbadewanne in der Mitte unter dem Oberlicht, in den
abgeteilten Ecken Waschbecken, Klosett, Bidet und Dusche, alles mit Marmor
ausgekleidet, neben allen anderen Apparaten in den Zimmern, der Küche,
Toiletten usw. Sehr große Armaturen, Abläufe 1“ bis 1 1/2“
Zulaufbadebatterien mit zweimal 1“, mit 5/4" Auslauf, jeder Apparat für
sich absperrbar mit Warm- und Kaltwasser.
Gleichzeitig wurde die Villa Lewi installiert, Sie lag ca. 2 m über Straßenniveau,
umfasste ein ganzes Straßenviereck. Rechts und links die Auffahrt in der Mitte
eine große Brunnenschale mit ca. 1 m breitem Wasserfall, durch eine Pumpe ständig
umgewälzt. Bauzeit ca. 5 Jahre. Im Rohbau waren alle Leitungen unter Putz
verlegt, die Apparatemontage geschah 2 Jahre später, nachdem die Wände mit
Marmor verkleidet worden waren, Die Hauptinnentreppe führte rechts und links in
der Halle empor, die die Ausmaße eines normalen Einfamilienhauses hatte. Die
Treppengeländer waren 1 m breit und kunstvoll mit Mosaikeinlegearbeit
verziert; 4 bis 5 Mann arbeiteten bald 1 Jahr daran, Die Revisionsschächte im
Keller waren mit öldichten Deckeln abgedeckt, innen mit halbförmigen
Feuertonschalen verlegt, um feststellen zu können, ob die Leitungen
verschmutzt waren, beim Ausgang zur Schleuse mit Generalgeruchsverschluss
versehen mit Frischluftkästen. Jeder Apparat wurde hinter dem Geruchverschluss
mit Sekundärluftleitung versehen. 5/4" für die Waschbecken, Bidets und Küchenapparate,
die Klosetts und Wannen mit 1 1/2", die Sekundärluftleitung unterhalb des
tiefsten und oberhalb der höchsten Apparateanschluss an die Abschlussleitung
eingeführt, jede Abflussleitung über Dach entlüftet, mit Bleiwolle verstemmt,
die Leitungen bis zum Dach mit Wasser gefüllt und abgedrückt, wobei alle
Apparateanschlüsse verschlossen und verstemmt wurden. Ich musste eine Stunde
den obersten Apparateanschluss beobachten, ob etwa der Wasserspiegel sank,
sonst musste der Monteur die undichte Stelle nachstemmen. Diese Art der nach
"englische Art" hergestellten Installationen kannte ich nicht. Ich war
bemüht, jede Akte und Zeichnung nachzusehen, wenn der Chef das Büro verließ;
in Kürze hatte ich mich dann eingearbeitet. Schwierig war das Herstellen des
Erläuterungsbericht und
Kostenanschlages in italienisch. Mit Hilfe alter Berichte usw. schrieb ich alles
ins Unreine, und ein Italiener kam dann, schrieb es fertig und besserte natürlich
Fehler aus.
Herr Horn hatte mich hauptsächlich eingestellt, um in der Villa eines
deutschen Arztes, Dr. Ohle, eine Warmwasserheizung einzubauen. Ich hatte keine
Ahnung, welche tiefste Außentemperatur ich annehmen sollte, es waren wohl -5 °C
was nur im kalten Winter 1928/29 übertroffen wurde mit -10 °C, eine ungewohnte
Temperatur in Rom, meist kaum unter +5 ° C. In Rom gibt es keine Wasseruhren,
sondern Wassermesshähne, die eine bestimmte Menge Wasser durchlassen. Das wird
dann auf dem Dach, meist im Freien, aufgefangen und zu den Apparaten geführt.
damals 1928/29 zerfroren alle Behälter, meist aus verzinktem Eisenblech mit 200
1 Inhalt. Unter Mussolini wurde angeordnet, dass von der Leitung in jeder Küche
ein Hahn mit direktem Wasseranschluss war bevor das Wasser zu den Dachbehältern
ging, - da hatten die Römer wenigstens noch Wasser. In den großen Hotels
standen die Behälter unter Dach, meist in Zementbehältern. Bei der Probe der
Heizung musste ein Monteur im Keller mit Druckpumpe ständig nachspeisen.
Dann wurde das ganze Netz unter
Druck gesetzt. Materialausgabe nur donnerstags von 8 bis 10 Uhr durch den Chef
und mich, Wehe dem Monteur, der etwa zwischendurch etwas Material benötigte.
Ein Monteur müsse wissen, was er in der nächsten Woche brauchte, wurde vom
Chef gesagt. Dadurch erzog er die Monteure zur genauen Überlegung, was
gebraucht wurde. Und wenn er das Doppelte oder Dreifache an Material mitnahm,
das spielte keine Rolle. Es war verständlich, denn bei Bauten unterhalb Roms in
Unteritalien oder Sizilien war ja keine Möglichkeit, am Ort Material zu
bekommen. Daher wurde ein Monteur, der von der Firma Horn kam, von jeder anderen
Firma mit großer Freude eingestellt, da es die bestausgebildeten Monteure
waren.
Leider genügte dem Chef meine
Arbeit aus irgendwelchen Gründen nicht, besonders nachdem er seinen deutschen
Neffen einstellen wollte (auch einen Studienfreund von Aue, dem ich Arbeit bei
Horn verschafft hatte, zog er mir vor, doch dieser verzichtete darauf und ging
zurück). Ich war vom Februar bis Herbst bei ihm, bekam die Kündigung und
wollte eigentlich nach Deutschland
zurückkehren. Einer unserer Monteure, der mich zum Kirchenchor mitgenommen
hatte, forderte mich auf, es doch bei der Firma Salus zu versuchen, die damals
einen der modernsten und größten Hotelneubauten in Rom aus führte, das
AmbaasadorHotel.
Kurz entschlossen versuchte ich es,
besuchte den Chef Herrn Geiger, einen Schweizer, schon an die 70 Jahre alt, der
ehemals Mitinhaber der Firma Geiger & Muri gewesen war, die sehr viele
italienische und französische Hotels installiert hatte. Sein jetziger Betrieb
war ein Zweigebetrieb der größten deutschen Sanitär- und Heizungsfirma
Wolferts & Wittmer, Hauptsitz in Berlin und in vielen anderen Städten. Wir
unterhielten uns sehr nett, er erzählte mir, dass er bereits zwei Ingenieure
habe, einer war mit nach Girgenti zu einem Hotelneubau gegangen, der andere war
im Büro. Eigentlich könne er mich nicht gebrauchen, da er ja bereits zwei
Ingenieure
habe, aber da ich von der Firma Horn käme, hätte er Interesse an mir. Nach
meiner Gehaltsforderung befragt, nannte ich keck 1500 Lire; bei Horn hatte ich
erst 600 und nach 4 Monaten 800 Lire. Er meinte zwar, es sei etwas hoch für den
Anfang, aber wenn ich mit 1200 Lire einverstanden sei, könne
ich anfangen. Hoch erfreut nahm ich an, war es doch 50 % mehr als bei Horn
(damals war 1 Mark = 4.20 Lire). Bei der ersten Gehaltszahlung gab mir Herr
Geiger jedoch 1250 Lire, da er sich nicht mehr erinnerte, was er mir geboten
hatte. Ich nahm es natürlich an.
Nach einem halben Jahr verließ uns
der Schweizer Buchhalter. Mein Chef, Herr Geiger, gab mir ein Kontobuch mit
zwei Spalten für Soll und Haben und ein dickes Scheckbuch mit Blankoschecks und
meinte; ,,So, Herr Michel, Sie bezahlen alles damit, wenn die Schecks alle sind,
bekommen Sie ein neues Scheckheft." Und das musste ich 1 1/2 Jahre lang
machen. Mein Gehalt verbesserte sich langsam von 1250 auf 2000 Lire/Monat auf,
wogegen Herr Geiger nichts hatte. Dazu kamen es, 2000 Lire Reisespesen im Monat,
nur die Hälfte der Spesen meines Chefs. Er unterschrieb, und alles ging glatt,
Wir arbeiteten aber auch mit fast 100 % Gewinn, da ich gut kalkulierte. Herr
Geiger besuchte die alten Kunden von früher, Wir versendeten jedes Jahr viele
Prospekte, die Antwortkarten mit Wunsch nach einem Ingenieurbesuch sortierte
der Chef. Was er kannte - große Hotels besuchte er selbst, den Rest übergab er
mir. Bei Cooks Reisebüro stellte man mir die Reiseroute mit Fahrzeiten, Anschlüssen
und Fahrkarten zusammen. Ich fuhr
los mit einem kleinen Köfferchen mit Akten, Schlafanzug und Waschzeug. Die
schmutzigen Strümpfe ließ man im Hotel liegen, sie waren spottbillig, auch
Obenhemden usw. So eine Fahrt konnte eine Woche bis zu 14. Tagen dauern. Die
Abrechnung bestand in einer Summe, Belege wie Hotelrechnungen, Fahrkarten usw.
wurden nicht verlangt. Man gab die Reiseroute an, und wenn es die Hälfte der
Spesen des Chefs war, unterschrieb er. So kam ich manchen Monat zum Schluss
auf 3500 bis 4000 Lire. Ein Ingenieur in Deutschland verdiente damals so gegen
125 bis 200 Mark, das waren etwa 850 Lire bis 1000 Lire; ich hatte also fast das
Vierfache verdient.
Mein
Firmeneintritt verlief jedoch nicht so glatt. Die beiden Ingenieure, vor allem
der in Rom zurückgebliebene, ließen mir keinen Platz im Büro, sie hätten
keine Arbeit für mich. Nur nach Feierabend ging ich ins Büro, da ich da Herr
Geiger allein antraf. Er war Junggeselle und hielt sich mehr im Büro als in
seinem Zimmer auf. Wie ich es bei Fa. Horn gewöhnt war besuchte ich die
Baustellen stellte Werkzeugbücher auf, richtete Kaution für die Werkzeuge ein,
räumte das total verwahrloste Magazin ein, kurz - den ersten Monat war ich
nur auf Baustellen, Mein Chef fragte mich, was ich denn so zu tun hätte. Als
ich ihm jedoch die Werkzeugbücher vorlegte, Kautionslisten, Magazininventar
usw. war er überrascht und zufrieden. Nur meinem Kollegen passte das absolut
nicht, er fürchtete mich wahrscheinlich als Konkurrenz.
Damals bauten wir im Hotel Ambassador, wo jedoch viele Arbeiten
- außer Kostenanschlag - anfielen. Ich musste diese Arbeiten mit
Material und Zeit aufstellen. Herr Geiger musste den Hoteldirektor bei guter
Laune zum Unterschreiben der Rapportzettel bewegen (der Direktor bekam im
Privathaus eine komplette Badeeinrichtung als Geschenk). Durch diese
Extraarbeiten kam etwas mehr Gewinn heraus, das Hauptprojekt war wahrscheinlich
nicht zu reichlich gerechnet. Das Hotel wurde mit Feuertonbadewannen aus
Feuerton ausgestattet, das Stück mit je 1 t Gewicht, direkt nur in 1. Wahl aus
England importiert. Alle anderen Apparate auch aus Feuerton, bestes Schweizer
Fabrikat von der Neuen Deco-AG., Zürich-Luzern, Die Installation erfolgte
nach englischem System. Auf dem Dachboden zwei sehr große Zementbassins, eins für
Kaltwasser, eins für Warmwasser, Die Heizungsfirma De Micheli baute eine
Seewasserentsalzungsanlage ein, deren Schwimmer immer hängen blieb; man
brauchte nur daran rühren und es klappte. Da die Direktion Beschwerden von den
Kunden bekam, es sei kein Warmwasser da (leider hatte Herr Geiger der
Hoteldirektion meine Anschrift gegeben), so kamen sie mitunter mitten in der
Nacht und holten mich. Man musste nur leicht an den Schwimmer klopfen, dann füllte
sich der Warmwasserbehälter. Leider war es nicht möglich, jemanden vom Hotel
dazu zu bewegen, nachts dort hinauf zugehen und an den Schwimmer zu klopfen,
Nach einem Monat zeigte mir Herr Geiger das Projekt eines Hotelausbaues in
einem ehemaligen Kloster in Taormina in Sizilien. Beim Durchsehen stellte ich
fest, dass böse Schnitzer in den Kosten und auch im Projekt selbst vorkommen,
so konnten wir das Projekt nicht abgeben, Ich enthielt mich einer Kritik, aber
der Chef sah selbst, dass wir das Projekt so nicht abgeben konnten. Es war
Sonnabend Nachmittag! Zusammen beschlossen wir, alles noch einmal soweit als möglich
zu ändern, da am Montag die Kunden kamen. Sonnabend Nacht und den Sonntag über
arbeiteten wir beide, Herr Geiger schrieb mit zwei Fingern, während ich die
Zeichnungen änderte und die geänderten Materialien auszog. Ab und zu
verschwand der Chef und holte von einer
Von einem Monteur der Firma Horn
wurde ich eines Abends zu einem Kirchenchorprobe in die Sakristei der
Evangelischen Kirche mitgenommen. Vor dem ersten Krieg wurde das archäologische
Institut in Rom neu erbaut, anschließend ein Pfarrhaus und eine sehr schöne
neue Kirche im romanischen Stil; anstelle der Bänke gab es strohbezogene
italienische Stühle, sehr gut passend. Sonntag Vormittag trafen wir uns vor der
Kirche, zum Gottesdienst auf der Empore und nachher wurde vereinbart, wo wir uns
treffen wollten. Meist am Kiosk an der Engelsbrücke, um dann mit der Straßenbahn
an irgendeine Endstation zu fahren und von dort aus weiter zu wandern. Zum
Schluss ging es meistens in irgendeine kleine Ostieria, wo der Wirt beflissen
den Tisch oder die Tische abräumte ein neues Tischtuch auflegte und sich ob der
unvermuteten Gäste freute. Nach etwas Weingenus wurden die Chormitglieder meist
sangeslustig, und da alle Stimmen vom Bass bis Sopran vorhanden waren
erklangen vierstimmig alte deutsche Volkslieder, was in Kürze einen starken Gästezulauf
bewirkte - zur Freude des Wirtes!
Jeden Freitag Abend von 6 bis 7 Uhr
trafen wir uns gemeinsam beim Biaggion Negro, einer Weingroßhandlung, mit drei
großen Weinfässern im Hintergrund, die üblichen Marmortische, besonders ein
großer Tisch sonst Familientisch, wenn wir kamen, unser Platz, Meist waren wir
10 bis 20 Personen, Weiblein wie Männlein, die Ehefrauen der beiden Bierbrauer
der größten italienischen Bierbrauerei in Italien, Birreria Perroni, dann
Angestellte, Gärtner, Doktoren aus dem Archäologischen Institut, besonders
aber stets der zweite Pastor der Evang. Kirche, einst Pastor Reimers, ein guter
Karikaturenzeichner. In unserem Kneipbuch zeigte ich 1939 meiner Frau bei einem
Rombesuch das Buch auch ich war des öfteren erwähnt. Wie bekannt ich dort
neben den anderen war, zeigte sich im Mai 1939. Wir logierten in einem Hotel am
Bahnhof und gingen in Richtung Forum Romanum. Meiner Frau zeigte ich im
Vorbeigehen die Kneipe, als auch schon der alte Biaggio Negro herauskam und
rief: ,,Oh, il signore Michele, come wa“ wie geht es ? Wir mussten mit
hineingehen, saßen dann - begrüßt von Frau, Tochter und Sohn beisammen, und
es ging ans Erzählen. Meine Frau konnte jedoch nur ab und zu eine Übersetzung
bekommen, ich selbst staunte, wie mein Reden in italienisch noch ging. Der Wirt
besorgte uns in der Nähe ein kleines Hotel, unser Abendessen fand meist bei ihm
statt,
Durch den Kirchenchor kamen viele
schöne Bekanntschaften zustande; mit Freund Raith und Scherer saßen wir
meist zum Abendessen beim Biaggio, aus einer nahen Resticceria wurden gebackene
Reisknödel mit Inhalt geholt, irgendetwas Gebratenes, dazu ein Viertel
Castelliwein. Oder wir unternahmen abends irgendeinen kleinen Ausflug ins Forum,
in einen der schönen Gärten; sonntags auch nach Ostia ans Meer, besonders im
Sommer ab Mitte Mai bis September. Freund Kestler baute ein einfaches Zelt
zusammen, da es verboten war, am freien Strand sich ohne Zelt auszuziehen,
berittene Polizei schwärmte stets umher, Wer kein Zelt vorweisen konnte, musste
sich anziehen und weggehen. Meist früh um 8 Uhr im ersten Wagen ganz vorn saß
Fräulein Jungfer, dazu kam Freund Raith und ich, um mit der Schnellbahn Rom -
Ostis ans Meer zu fahren. In einer deutschen Bierkneipe holten wir das Zelt,
trugen es weitab an den freien Strand, damals weit hinaus frei, nur wenige
Badeanstalten in Bahnhofsnähe (1939 mit meiner Frau fanden wir soweit das Auge
reicht Badeanstalten, nur ein Stückchen freier Strand gegenüber dem Bahnhof
zur Erinnerung wie es mal früher war). Im Laufe des Vormittags traten mehr und
mehr Bekannte ein, vielfach mit Besuchern aus der Heimat, die sich meist einen
elenden Sonnenbrand holten. Wir waren es gewöhnt und braun wie die Araber.
Essen hatte jeder mit, nur abends war der Durst groß, er wurde bei einem
deutschen Bierwirt gelöscht. Abends wollte meist niemand das Zelt heim tragen,
bis Freund Kestler schimpfend es sich auflud. Vor 20 bis 21 Uhr war nicht daran
zu denken, einen Platz bei der Ostiabahn zu bekommen, die Menschen standen zu
Tausenden vor dem Bahnhof, doch was störte uns das, wir tranken Bier, aßen Würstchen
mit Kraut, dazu ein Eis, und das so hintereinander, bis endlich freie Bahn war.
An der Station Ostiense warteten viele Straßenbahnen nach allen Stadtteilen,
vorbei am Cestius Grabmal in Form einer Pyramide, am Heidenfriedhof für alle
Nichtkatholiken (auch Goethes Sohn liegt neben vielen bekannten Deutschen dort
begraben) und heimwärts, alles trennte sich. Am Montag dann gab’s meist viel
Durst und Sonnenbrand, aber stets gute Laune und sich freuen auf den nächsten
Sonntag am Meer. Im Herbst ging es in die Castelli Romani, die Weindörfer im
Osten Roms, wie Frascati, Genzano, Albano, Nemi und wie sie alle heißen, stets
unter den Einheimischen. Manchmal hatte Freund Kestler sein Koffergrammophon
mit, es wurde auf einem Platz getanzt und dazu gesungen, es war eine
unvergesslich schöne Jugendzeit. Im Winter dann Besuche in allen Museen,
Palazzi, leider kam ich als junger Kerl unvertraut mit den alten römischen
Geschichten, nach und nach lernte ich das, meistens an Ort und Stelle.
10. 2. 1982
Zwar
hatten wir gemeinsam viele Museen, Kirchen, Palazzi usw. besucht, doch mit 23
Jahren hatte ich wenig Ahnung von der Geschichte Roms durch die Jahrtausende,
was ich später Lesenderweise nachholte und bedauerte, damals so wenig gewusst
zu haben.
Von Rom aus hatte
ich auch meinen größten Sanitärbau zu betreuen. Vor Jahren war ein Schweizer
Küchenjunge nach Florenz gekommen, hatte sich empor gearbeitet und besaß
damals die drei größten Hotels in Florenz. Eins davon, das “Hotel Italie",
ließ er im zeitigen Frühjahr abreißen, im Herbst wurde es neu eingeweiht und
eröffnet. Wir bauten die ganze Sanitär-Installation - auf Grund der
Bekanntschaft meines Schweizer Chefs mit dem Hotelier ein, es waren über 480
Sanitärapparate bester Qualität, aus der Schweiz bezogen. Der Hotelier
verlangte nur das Beste, was es gab. Einmal schlug ich vor, die Abflussrohre zur
Geräuschminderung mit karbonisierten Seidenzöpfen zu umwickeln, es sei aber
etwas teuer. Entrüstet sagte er mir ,,ich habe doch das Beste verlangt, wie können
Sie, mir daher noch etwas zum Verbessern vorschlagen?". Die Hotelzimmer
waren 4 m hoch, die Bäder nur 2,5 m; in den Zwischendecken wurden alle
Leitungen verlegt. Jeder Strang für sich absperrbar, dann nochmals jedes Bad
und zum Schluss hatte jeder Apparat Regulierhähne. Die Bäder wurden um
Lichtschächte gebaut, in denen alle Leitungen hochführen. Auf dem Dach
Zementbassins
mit vielen tausend Litern Wasser für Warm- und Kaltwasser. Von dort oben hatte
man einen herrlichen Rundblick über Florenz, über den Fluss Arno, die Stadt
mit all den Palästen und Kirchen, bis nach den Bergen ringsum. Wir hatten bis
zu 20 Monteure und genauso viele Helfer, Maurer usw., um in der kurzen Zeit
alles Fertigzustellen. Jeden Freitag musste ich nach Florenz mit den Löhnen
fahren, Baubesprechungen usw. Abends fand dann meistens ein Treffen in einer der
alten Kneipen statt, der Ehrgeiz der Monteure ging dahin, den Ingenieur mal
richtig einzuseifen. Einmal gelang es ihnen, ich fand mich am nächsten Tag in
meinem Hotelzimmer, was ihnen zum Glück bekannt war, mit einem Riesenbrummschädel
wieder. Doch dann mimte ich nur noch, sie freuten sich, dass es ihnen wieder
gelungen war, und ich freute mich am nächsten Tag, wenn sie etwas leicht
verstimmt waren. Damals hatten drei der Monteure je ein deutsches Motorrad,
Marke NSU - 500 ccm, mit allen Schikanen gekauft. Sie fuhren mich damit durch
die Gärten um Florenz. Ich sagte dummerweise, so etwas möchte ich auch haben.
Als nun der Hotelbau in Florenz zu Ende ging, verschwanden die Monteure nach
und nach. Die Heizung hatte eine Florenzer Firma gebaut, mit drei großen langen
Röhrenkesseln für Heizung und Warmwasser, Eines Nachts platzte einer der
Kessel und die Kellerbar, wunderschön mit Edelhölzern und Seidentapeten ausgerüstet,
stand 1 m hoch unter Wasser. Zum Glück nicht unsere Sache!
Bei Baubeginn gab mir Herr Geiger,
gem. unserer Geschäftsbedingungen (1/3 bei Baubestellung, 1/3, bei Eintreffen
der Hauptmaterialien und das letzte Drittel bei Übergabe) einen Barscheck über
200 000 Lire, den ich montags zur Bank schaffen sollte. Ich steckte ihn in
meine Hosentasche und sicherte sie durch etliche Sicherheitsnadeln, um den
Scheck nicht zu verlieren. Es waren ja immerhin 47. 500 Markt!
In Rom tauchten eines Tages drei
unserer Florenzer Monteure auf, darunter ein Schweizer, der zurück wollte -
ohne Motorrad. Ich hätte doch gesagt, ich wolle auch so ein Vehikel, er brächte
es und verlangte 3000 Lire (715 M), die ich aber nicht hatte. Dumm wie ich war,
auch etwas interessiert an so einem Ding, nahm ich Geld von mir, dazu einen
Vorschuss aus der Betriebskasse, stellte eine Quittung aus, dass ich abzahlen
wollte, als Wertgegenstand das Motorrad und meine Gehälter, und es ging glatt,
ohne dass mein Chef etwas merkte. Leider hatte ich ja keine Ahnung, wie man
fahren muss. Ich meldete mich zu einem Autofahrerlehrgang an und ging treu und
brav ein paar Wochen, obwohl ich von den technischen Ausdrücken das Wenigste
verstand. Die mündliche Prüfung ging soweit glatt, ich stellte mich unverständlich,
bis sie mir so alles sagten. Dann die Fahrprüfung. Ich hatte erst zweimal auf
dem Motorrad gesessen, mir war etwas bange vor dem bald 3 Ztr. schweren Rad.
Beim dritten Mal machte ich die Probefahrt, leider bekam ich den vierten Gang
nicht herein, fuhr also mit dem dritten Gang. Und so bestand ich auch diese Prüfung.
Nach einiger Zeit hatte ich alles gelernt und fuhr ins Abenteuer mit meinen
Freunden. Die herrliche Umgebung lud dazu ja auch ein. Heimzu durch Rom war es
immer etwas schwierig. Ich tankte daher meist kurz vor Rom in einer Osteria 1/4
l Wein, dann ging es famos über all die holprigen hervorstehenden Straßenbahnschienen
und Straßen bergauf und bergab (Rom ist ja eine Vielhügelstadt). Auch manche
Geschäftsfahrt machte ich per Motorrad, einmal nach Perugia, um mit einem
Monteur einen Baubeginn zu besprechen; dann nach Florenz - Pisa dort hatte ich
eine Panne. Viele Mechaniker versuchten ihr Glück, bis ein alter Mann, der
zugesehen hatte, sagte:
Von Pisa bis Rom fährt man auf
einer alten Römerstraße, Jahrtausende alt; die Platten mal etwas hoch, dann
wieder etwas tiefer. Nur am Rand war ein schmaler Sandstreifen, auf dem man
fahren konnte, Dazu Hochsommerhitze in dem dicken Lederzeugs, Lederjacke,
Lederhose, Lederstiefel, Ledermütze, dazu Lederhandschuhe, und das stundenlang
in der hochsommerlichen Hitze! Dazu drei Schlauchpannen durch Maultiernägel.
Mit dem letzten Klebzeug und dem letzten Tropfen Benzin landete ich in der Nacht
in Rom. Es gab so manche Abenteuer mit meinen Freunden. Freund Raith hatte sich
einmal durch einen Sturz auf frisch geschotterter Straße den Ellenbogenknochen
angebrochen, ich selbst fiel auf die Nase, hatte keine Haut mehr an den Händen,
und die Brille hatte lauter gerillte Streifen, zum Glück war sie nicht
zersplittert. Mit den nackten Händen fuhr ich noch bis Rom, mein Freund mit der
Bahn (er fuhr nicht mehr mit mir!).
Die Touren zu Kundenbesuchen machte
ich jedoch mehr mit der Bahn. Leider hatte ich einen bösen Unfall — der
dritte Sturz. Wir montierten in den Gastelli, den römischen Weinbergen, ein
Hotel, beim Transport der Sanitärapparate fuhr ich aus Unsinn mit dem Motorrad
mit, der Buchhalter damals mit dem Lkw. Heimzu kam ein Gewitter; wir stellten
uns in einer kleinen Gaststätte unter und tranken wahrscheinlich zu viel. An
Frascati und die Einfahrt konnte ich mich noch erinnern, dann wachte ich einige
Tage später in einem Hospital auf. Schädelbasisbruch mit Bluterguss im Gehirn,
Nasenbein kaputt, Ohr eingerissen usw. Ich lag in einem Sterbezimmer. Am nächsten
Tag beim langsamen Dahindämmern lagen immer neue Sterbende neben mir. 8 Tage
lag ich so, ab und zu konnte ich etwas Milch trinken, als mich unser zweiter
Pastor besuchte. Ich bat ihn, mich rauszuholen und ins Deutsche Diakonissenheim
zu bringen. Er fragte einen Pfleger, der "ja" sagte (ein Arzt hätte
mich da noch nicht rausgelassen). So wurde ein Bett frei. Sie zogen mir meine
Ledersachen an und ab in ein Taxi, wobei ich bereits wieder ohnmächtig wurde.
Sie holten Wäsche aus meinem Zimmer, und ich weiß nicht, wie sie mich ins
Diakonissenheim
geschafft haben. Jedenfalls weckte ich am nächsten Tag auf, verspürte bald
gewaltigen Hunger, und in wenigen Tagen meldete ich mich beim Chef, um mich in
Deutschland wieder herstellen zu lassen. (Vom ,Saufen‘ hatten wir nichts
gesagt). Heimgekommen, feierte ich mit meinen Bekannten noch eine
Abschiedsnacht, dann wurde am nächsten Tag gepackt, abends Verabschiedung auf
dem Bahnhof, dann am nächsten Tag abends in München, dem Schaffner ein
Trinkgeld gegeben, da mit er mich allein in meinem 2. Klasse-Abteil ließ. Am
nächsten
Tag weckte ich beim fahren über die Dresdner Brücke auf. Weiter dann nach Löbau,
wo ich meiner Mutter erst nichts sagte von meinem Unfall; sie gingen zu
Krug-Lehmann zur Hauskirmes und ich mit. Am nächsten Tag sagte ich endlich,
weshalb
ich kam. Meine Mutter fuhr mit mir nach Görlitz ins katholische Krankenhaus, um
die Nase usw. nachsehen zu lassen. Beim Kopfröntgen stellte man erst fest, dass
der Schädel rechts von oben bis unten gesprungen war. Sie ließen mich nicht
mehr zurück, es wäre zu gefährlich. Wohlweislich hatte ich nichts gesagt von
meiner langen Fahrt von Rom bis Görlitz. Die Nase wurde operiert leider sehr
schlecht. Die Kopfschmerzen vergingen nach und nach, nur hatte ich ein Jahr lang
rechtsseitige Gesichtslähmung, was beim Lachen und Sprechen nicht sehr schön
aussah. Ein Jahr lang musste ich elektrisieren, bis sich neue Nerven und Muskeln
von Kopf und Hals bis zum Gesicht bildeten. Mein rechtes Auge zwinkert noch
heute zu langsam, bei starker Kälte und bei Wind sehe ich dann nichts mehr (war
später in Russland sehr hinderlich beim Wache gehen).
Mein Chef wollte schon immer näher an die Schweiz und schlug Mailand vor, während
ich meinte, in Rom hätten wir weniger Konkurrenz wie in Mailand, wo viele
schweizer und deutsche Firmen arbeiteten. Jedenfalls bekam ich ein Telegramm
nach Löbau: neuer Arbeitsplatz Mailand, Vis "fata bene Fratelli!“ Sie
hatten mein ganzes Zeugs (einschl. Motorrad) mitgenommen, ich fand es in einem
Zimmer wieder in der Wohnung, wo auch unser neuer Buchhalter wohnte. Das neue Büro
war etwas kleiner wie das alte,
aber zentralgeheizt, was in dem kalten Winter 1928/29 sehr angenehm war,
damals in Italien -10° bis - 12°C Kälte. Gegessen wurde in einer kleinen
Gaststätte, wo ich später eine Menge Deutsche und Schweizer kennen lernte.
Nach und nach kamen neue Kundenbesuche, teils alte Bekannte meines Chefs,
teils neue durch Werbung. In Rimini, direkt am Strand, stand ein großes Hotel.
Alle Dienste wurden nur durch Familienangehörige einer italienischen Großfamilie
versehen. Ein alter Herr leitete das Ganze, man saß mit allen zusammen, am
Tischende der alte Herr und nach unten zu die immer jüngeren Mitglieder, ich
als Ehrengast als ,,ingeniere tedesco“ neben dem Herrn, Wir installierten alle
Zimmer neu mit Bädern und fließendem Wasser in den Zimmern, mit neuer
Warmwasserbereitung - ein schönes Projekt. Ich konnte öfters nach dort. Dazu
kam eine Anfrage aus Abbazzia, aus der leider nicht Positives wurde. Es gab da
eine herrliche Fahrt nach Rimini, dann per Schiff nach Abbazzia (nicht mal
seekrank
wurde ich, die Fahrt dauerte immerhin eine ganze Nacht).
18.
2. 1982
Über Venedig ging es zum Gardasee, mit einem Schiff einige Stationen weit,
dann zurück nach Mailand.
Neapel selbst bezauberte mich auch, besonders abends oder in der Nacht. Auf
den breiten Treppen zum Vomero saßen abends abschnittsweise junge Burschen und
Mädchen und sangen sich zu, dazu zufälligerweise Mondschein, im Hintergrund ab
und zu die feurig beleuchtete Rauchwolke des Vesuvs, davor der glänzende
Wasserspiegel des Golfs. Es sind unvergessliche Eindrücke!
Von Neapel zurück nach Rimini besuchte ich am Freitag Abend unsere Kneipe
beim Biaggio, Leider war die Kneiprunde kurz zuvor aufgebrochen, was ich sehr
bedauerte. Neue Gesichter seien aufgetaucht; etliche von früher noch vorhanden,
erzählte mir Signore Biaggio Negre. So zog ich zum Bahnhof in ein kleines Hotel
und am anderen Morgen weiter zurück nach Rimini.
In Mailand war im Büro ein Deutscher neu eingestellt, es war ein etwas
leicht komischer Typ. Ich hatte das Empfinden, dass er gern meine Stelle
einnehmen wollte, was ihm jedoch nicht gelang, da er unserer Tätigkeit fremd
gegenüberstand. Zwei größere Bauten waren in Arbeit. Einmal ein Nebengebäude
des Palace-Hotel in San Remo, die Villa Zirio, in welcher Kaiser Friedrich III.
(er regierte nur 88 Tage nach Kaiser Friedrich I. und starb an Tbc) gewohnt
hatte. Sie wurde in Appartements für reiche Amerikaner umgebaut, die einmal in
einer Kaiservilla wohnen wollten. Es war im Frühsommer, also tote Saison. Bei
meinen Baubesuchen bekam ich meist ein Erdgeschosszimmer mit großer Veranda
nach dem Garten voller Palmen und blühenden Frühlingsblumen, unvergesslich am
Morgen aus dem Zimmer da hinauszutreten in die duftende Morgenluft. Nebenher gab
es noch Kundenbesuche in anderen Hotels in San Remo, aus denen nichts wurde.
Am Montag früh gegen 4 oder 5 Uhr
fuhr ich ab bis vor Genua San Pietrorema, dort wurde der Zug umgesetzt, bekam
neue Wagen Rom - Paris, und dann immer am Meer entlang nach San Remo. Die Bahn
fuhr so nahe am Meer, dass man bei stürmischer See die Fenster schließen
musste, da die Brandung bis zu den Wagen spritzte. Unzählige Tunnel waren zu
passieren, die bekannten Badeorte lagen wie Perlen aufgereiht an der
Bahnstrecke. Zuerst war es begeisternd schön, doch dann kam die Gewöhnung.
Am Dienstag ging es dann zurück nach Mailand.
Zur gleichen Zeit hatte ein reicher
Hamburger Rechtsanwalt die zwei Inseln von Brissago im Lage Maggiore gekauft und
baute sich darauf einen tollen Palast. Wir hatten die ganze Installation zu
machen, die zwei Badezimmer der Herrschaften mit doppelt versilberten Armaturen,
jede Schraube war versilbert und jeder Apparateteil, was nicht mal schön
aussah, eher wie Bleiglanz. Es waren dann noch einige Gästen- und
Bedienstetenbäder,
Klosetts und Küchenapparate, immerhin ein Objekt von über 90 000 Schweizer
Franken, damals ungefähr 80 000 Mark. Der Käufer war ein Rechtsanwalt, der
sein Geld geschickt durch die Inflation gerettet hatte. Er kam von Hamburg mit
zwei Autos und vier Fahrern; falls das vordere Auto einen Defekt hatte, stieg er
um. Von Hamburg wurde bis zur Grenze durchgefahren, dann dort kurzer Halt und
weiter bis Ronco, kurz vor Briasage. Die Straßen winden sieh dort zwischen Berg
und See, und wer da bauen will, muss die Straße in den Berg hinein verlegen,
was er auch tat und bezahlte. Am Ufer waren 5 bis 6 Garagen, darüber nochmals
eine ganze Flucht Gästezimmer, falls er bei zu starkem Seegang nachts nicht zur
Insel fahren konnte. Von den Autos wurde das Gepäck mit Kran direkt unter den
Garagen liegenden Bootshafen verladen, Es gab mehrere Boote, darunter eins für
den Trausport von Heizöl, dann für das Personal. Die kleine Insel
beherbergte das Gärtnerwohnhaus, mit einem kleinen Boot musste der Gärtner zur
Insel fahren. Im Palast war ein Zimmer mit aus Venedig gekauften und dort
vorsichtig zerlegten Möbeln neu eingebaut, wozu jedes Schraubenloch genau
gebohrt wurde, Die Heizung sowie Be- und Entlüftung baute die bekannte Firma
Gebr. Sulzer, Winterthur. Zur Entlüftungsprobe wurde in einem Wohnzimmer ein
Steinsockel errichtet, darauf Reisig verbrannt, den Rauch musste die Lüftung
wegsaugen.
Etwas seitab der Wohngebäude lag ein ummauertes Freibad mit Auskleideräumen,
Duschen und Klosetts. Ähnliche Stufenbäder hatten wir in Italien gebaut, nur
war dieses viel größer. Die Frau des Besitzers war die erste deutsche
Rennfahrerin, Gräfin Einsiedel, sie hatte sich scheiden lassen; er hoffte aber
noch immer auf ihre Rückkehr, und dazu war das zweite Appartement vorgesehen.
Inzwischen hatte er jedoch zur Zerstreuung stets einige bildhübsche
Italienerinnen. Wenn er mit ihnen FKK badete, waren meist einige Bauleute zufällig
auf einem Baum oder dem Hausdach. Um einige alte Bäume an der Inselsüdseite zu
retten, die durch Wellenschlag unterspült waren, ließ er eine neue Mauer für
30 000 Franken bauen, Geld spielte keine Rolle. Jetzt ist die Insel Schweizer
Nationalmuseum.
Doch mein Chef ließ sich nicht mehr aufhalten und löste die Mailänder
Firma auf, um in Luzern neu anzufangen. Das in Florenz lagernde Werkzeug war auf
sein Geheiß dort liegen gebliebe, wie es sich erst jetzt herausstellte offen in
einem Durchgang einer Lieferfirma. Die dortigen italienischen
Monteure hatten wahrscheinlich die Gelegenheit benutzt, das gute Werkzeug
gegen Alteisen auszutauschen; jedenfalls stellte sich bei der Ankunft in Luzern
heraus, dass alles teuer als Werkzeug verzollt wurde und doch ohne Wert war. Ich
hatte seinerzeit darauf gedrängt, das wertvolle Werkzeug nach Mailand zurückzuholen,
Herr Geiger war jedoch dagegen gewesen. In Luzern stellte er einen der früheren
Ingenieure, einen Herrn Ott, neu ein, da ich zurück nach Deutschland wollte.
Ich hatte mir eine Stellung in Düsseldorf gesucht. Vorher hatte ich mit den
Mitinhabern der Fa. Salos s. a. einige unangenehme Minuten, da sie mich für den
Verbleib der Werkzeuge in Florenz verantwortlich machen wollten. Mir tat Herr
Geiger leid; da ich aber wegging, nahm ich die Schuld auf mich, worauf mir die
Herren drohten, sie wollten das meiner neuen Firma melden, was sie aber nicht
taten. Mein Motorrad, die NSU 500 ccm mit allem Zubehör, hatte ich noch billig
in Mailand verkauft, andernfalls eine erneute Verzollung nötig wurde.
25.
2. 1982
In Düsseldorf
suchte ich mir ein Zimmer (es war ein ehemaliges Kloster) und begann in einer
Sanitärfima Ballauf die Arbeit als projektierender Ingenieur für Hotel- und
Krankenhausbauten. Leider kam ich mit meinen beiden neuen Chefs nicht zurecht.
Früh um 7 Uhr stand ich an der Bürotür, dann kamen nach den Scheuerfrauen die
ersten Lehrlinge und so nach und nach meine Kollegen. Dafür machte ich abends
18 Uhr Feierabend, während meine beiden Chefs meist erst nach 18 Uhr durch
die Büros gingen. Dies missfiel ihnen, und nach Ablauf der Probezeit von zwei
Monaten bekam ich die Kündigung. Da ergab sich anlässlich eines Abschiedsgesprächs,
dass ich meinem Herzen Luft machte und ihnen die ihnen unbekannten Arbeitszeiten
in ihrem Büro schilderte, da sie mir vorwarfen, ich wäre ein zu pünktlicher
Mitarbeiter. Wir kamen noch in ein sehr nettes Gespräch und sie boten mir an,
es nochmals weiter bei ihnen zu versuchen. Da ich aber nur ein kleines Rädchen
war und nie hörte, was aus den Projekten wurde. Ich hatte keine Verbindung mit
der Ausführung, saß immer nur im Büros. Ich verabschiedete mich, obwohl meine
Kollegen 1929 mich vor der kommenden Arbeitslosigkeit warnten, wogegen ich ihnen
versprach, in kurzer Zeit eine Karte aus irgend einem Ort im Ausland zu senden,
was ich wenige Monate aus der Schweiz auch tat.
Nach kurzem
Aufenthalt in Löbau bei Muttern inserierte ich in der Neuen Zurücher Zeitung
und bekam auch bald zwei Angebote, eins aus Vevey am Genfer See, was ich zum
Glück nicht annahm - es sollte ein Vertreterposten für SIAM-Feuerung sein. Ein
zweites Angebot kam von einem Herrn Ernst Biefer aus Amriswil, ca. 7 vom
Bodensee entfernte. Die Firma in Vevey hätte mich sehr gereizt, um mein Französisch
zu vervollkommnen, Da ich in Mailand nach meinem Unfall ein Jahr lang 1 bis 2
Stunden/Tag Kopf und Hals elektrisieren musste hatte ich nach Schliemann-Methode
mein Schulfranzösisch aufgefrischt. Der Sperling in der Hand ist besser als
die Taube auf dem Dach! Ich nahm die Stelle bei Herrn Biefer an und hatte es
nicht zu bereuen.
Nach umständlicher
Fahrt über München, dann nach Lindau um den See über St. Margareten bis
Amriswil, eine Fahrt von fast zwei Tagen (statt 1 direkt bis Lindau und per
Schiff bis Romanshorn), kam ich abends in Amriswil an, übernachtete im
Bahnhofshotel und suchte am nächsten Tag die Firma Biefer auf. Mit Herrn Biefer
kam ich in ein angenehmes Gespräch, er hatte vom Vater eine Schlosserei übernommen
und baute sie aus, hatte einige Kesselanlagen und kleinere Heizungen ausgeführt
und brauchte Hilfe dazu. Neben einem Werkmeister, Herrn Hollenstein, gab es noch
10 bis 12 Schlosser, da er damals für die SBB (Schweizer Bundesbahn) Maste für
die Elektrifizierung baute, elektrisch geschweißt und später im ganzen
verzinkt. Erst war mein Arbeitsplatz im Büro, wo außer ihm noch seine
Schwester, ein unverheiratetes älteres Fräulein, arbeitete, später bekam ich
anschließend an das große Werkstattgebäude mit umfangreichem Lager ein Extrabüro,
gleich neben der Kirche, mit Blick auf den Markt. Zuerst hatte ich einige Bauten
meist Sanitär aufzurechnen anhand der Material- und Lohnlisten. Als erstes im
Kantonsspital Münsterlingen einen Neubau, dann kamen kleine und größere
Heizungsprojekte, im ersten Jahr war es noch nicht so viel, wohl an die 50 000 bis 60 000
Franken, dagegen im zweiten Jahr über 300 000 Franken, da in Zürich viel
gebaut wurde neben den Bauten in den Amriswiler Fabriken. Es gab damals in
Amriswil mehrere Schweizer-Franken-Millionäre, die sie durch den vergangenen
Krieg 1914 - 1918 mit Militärlieferungen verdient. An jedem Krieg verdiente die
Schweiz durch ihre Neutralität nach allen Seiten.
Zuerst wohnte ich im Gasthof
"Zum Ochsen" am Markt, nahm auch mein Mittagessen dort ein, um später
mit einem Bauingenieur, Gust Walter, ein oberes Stockwerk privat bei zwei
Ältere,
unverheirateten Schwestern zu beziehen. Wir hatten zwei Schlafzimmer, Küche und
Wohnzimmer. Da wir den beiden Damen jedoch etwas unsolide erschienen (sie hatten
einen Musteruntermieter als Beispiel), mussten wir ausziehen. Ich fand ein
nettes Zimmer bei Frau Gähli an der Bahnhofstraße, in dem ich bis zu meinem
Wegzug wohnte. Meine Arbeitszeit begann um 8 Uhr und ging - mit einer Stunde
Mittag - bis 18 Uhr zum Feierabend. Bald fanden sich zu meinem Bekannten Gust
Walter, ein weiterer Bauingenieur und der Sohn aus der größten Tischlerei am
Ort. Zu Viert verlebten wir viele netten Stunden, zechten meist im
"Ochsen" bis ich denn später zu Mittag in das alkoholfreie Volkshaus
umzog, wo man zum Essen nichts trinken musste, es war auch billiger. Mein
Verdienst betrug sfrs.4OO.- und später sfrs. 450.-, nicht so viel wie in
Italien, denn damals begann ja in Deutschland die große Arbeitslosigkeit, die
den Faschismus hervorrief. Mittags trafen wir stets die gleichen, u. a. auch Fräulein
Guhl. Sie war Lehrerin; daneben nach zwei bis drei andere Lehrer ab und zu die
Schulinspektoren, die "Gigerin"- ein etwas gefürchtetes Fräulein
gesetzten Alters, sie war so etwas wie ein Schreckgespenst für die Schulen. Später
hatte Frl. Sabine Guhl diesen Posten, war aber bestimmt nicht so gefürchtet.
Nach dem Essen wurde ein Kaffee ausgejaßt (Schweizer Kartenspiel mit 4
Spielern), wenn nicht heftige Streitgespräche zwischen Sabine Guhl und mir
stattfanden; manchmal versäumten wir den neuen Arbeitsbeginn. Ich reizte sie
immer durch meine Dütsche Behauptung, sie ging dann hoch, aber immer im Guten.
Eines Sonntags bestieg ich aus Lageweile früh den Zug nach Romanshorn (ca.
7 km) und stieg um nach St. Gallen, dort ebenfalls in ein kleines Bähnle nach
Appenzell. Angekommen, sah ich eine Straßenbahn nach Wasserauen stehen, stieg
ein und war auf einmal am Fuß des Alpsteinberges, mit dem Säntis 2505 m und
Altmann, etwas niedriger. Neugierig stieg ich bergan bis zum Seealpsee, setzte
mich dort zu einem älteren Ehepaar und trank Kaffee. Ins Gespräch gekommen,
stellte es sich heraus, dass der ältere Herr jeden zweiten Sonntag zum Säntis
stieg und möglichst - wie an diesem Tag noch zwischenrein seine Frau bis zum
Seealpsee mitnahm. Er machte mich neugierig aufs Bergsteigen und wir
vereinbarten einen Ausflug für den nächsten Sonnabend/Sonntag. Für die Ausrüstung,
Windhosen Wadenwollstrümpfe, Windjacke und ein Paar schwer genagelte
Arbeitsschuhe, sowie Spazierstock wurde besorgt. Und präzise pünktlich trafen
wir uns in St. Gallen voller Abenteuerlust, war es doch meine erste Bergtour.
Leider verschlechterte sich das Wetter, so dass wir nur bis kurz vor den Schäfler
kamen und übernachteten. Am anderen Morgen ging es nach kurzem Marsch zurück
zum Bahnhof Wasserauen, es hörte nicht auf zu regnen, von den Bergen war nichts
zu sehen. Doch bald darauf trafen wir uns erneut, und unser Marsch endete auf
dem Säntis. Da er gut mit dem Wetterwart befreundet war, gingen wir zu diesem
und seiner Frau, die den ganzen Winter damals allein dort oben in 2500 m Höhe
hausten; der Wintersport war noch nicht so allgemein, dass er Besuch bekam. Sein
Vorgänger, Herr Haas, war mit seiner Frau vom Neffen ermordet worden, den sie
bei sich aufgenommen hatten.
Und so unternahmen wir viele Touren gemeinsam, mit der Zeit wollte ich
jedoch auch die anderen Teile des wunderschönen Alpsteingebirges kennen lernen
und ging mit anderen inzwischen bekannt gewordenen Bergfreunden. Fräulein Guhl
hatte ich am Mittagstisch gar manchmal ausgespottet. Obwohl sie in St. Gallen
das Lehrerseminar besuchte, war sie nie auf die Idee gekommen, mal in die Berge
zu gehen, Sie stammte aus Steckborn am Untersee. Endlich konnte ich sie bereden,
ist mitzukommen, Dummerweise hatte ich aber gerade die längste Route zum Säntis
ausgesucht. Als wir am Sonntagmittag abstiegen, waren wir beide herzlich froh,
an Kopfende des Seealpsee einen Ruderer zu treffen, was uns eine halbe Stunde Fußmarsch
ersparte um den See. Jedenfalls schimpfte sie am Montag Mittag ganz schön über
ihren Muskelkater, doch später ging sie doch noch einige Male mit. In späteren
Jahren trat sie in den Schweizer Frauen-Alpenklub ein und legte sogar etliche Prüfungen
als Führerin für Bergwanderungen auf Drei- und Viertausender ab.
In August 1930 bekam ich eine
Einladung von meiner Schwester Gerda zur Hochzeit. Sie garantiere mir für eine
hübsche Tischdame, einer Kusine ihres Bräutigams. Urlaub gab es damals noch
nicht; ich arbeitete 8 Tage heraus und fuhr los, kam am Polterabend früh in Löbau
an. Beim Rasieren kam meine Schwester mit dem zukünftigen Schwager und meiner
Tischdame an, ein nettes hübsches Mädchen, wie mir schien. Schwager Erich
wollte mir zeigen, dass er seine Verwandte küssen könnte, was ich als mein
Recht beanspruchte. Es gab ein Hin und Her, jedenfalls haben wir uns nie
gesietst, es ging gleich per Du. Bald war es eine rege Bekanntschaft geworden,
sie gefiel mir, ich ihr weniger, da sie nach der Bekanntschaft mit meiner
Schwester und Mutter etwas mehr Fülle erwartet hatte, war ich doch damals mager
wie eh und je. Am Tisch beim Polterabend fragte mich meine Schwester, wovon
wir sprachen. Ich erwiderte ihr, wir sprechen gerade darüber dass wir uns 7
Kinder anschaffen, Daraufhin sprach meine Tischdame eine Weile
Gegen 24 Uhr verschwand ich einmal
um daheim Schuhe und Strümpfe zu wechseln ob der vielen Tanzerei. Gegen Morgen
bat ich das Trio Gröbler doch auf zuhören mit der Musik ich wäre redlich müde,
doch meine Dame nicht.
Am nächsten Tag war
Hochzeitskaterbummel nach Ebersdorf, da gelang es mir, meine holde Tischdame zu einem Spaziergang über
den Löbauer Berg zu überreden, was dann in den Folgetagen bis zu meiner
Abreise unser ständiger Ausflug wurde. Am dritten Tage hatte ich ihr gesagt,
wir würden heiraten. Sie sagte jedoch, das wüsste sie nicht, doch was sollte
sie machen, sie war dem Zauber meiner mageren Natur verfallen,
Ende Juli musste ich abreisen, in
Lindau schrieb ich ihr schon die erste Karte die ihr ihr Vater mit spitzen
Fingern überreichte, da stünde drauf ,Dein Kurt‘, worauf Muttchen Farak ihn
aufklärte und mitteilte, es würde wohl was draus werden, Zwar hatte meine
Hilde erklärt, sie würde nicht heiraten, worauf sie die 2 Jahre Kindergärtnerin
- Seminar besuchte, um eine würdige Matrone zu werden, die sich mit anderer
Leuten Kinder ärgerte, statt über die eigenen Bälger.
Nun war meine Feierabendtätigkeit gesichert alle 2 bis 3 Tage ging ein
Brief erst nach Leipzig, dann nach Zwickau und später zum oberen Waldteich, wo
sie zwei Sommer lang in einem Ferienkinderlager der Arbeiter Wohlfahrt
verbrachte.
Im Frühjahr - Ostern 1932 besuchte sie mich in Amriswil. Mit Spannung holte
ich sie in Romanshorn vom Fährschiff ab. Sie stand ganz vorn und war wohl doch
etwas schüchtern ob ihres Mutes. Im Gasthof "Zum Ochsen" in Amriswil
brachte ich sie unter, sie hatte allerdings stets zu warten, bis ich mehr oder
weniger zeitig Feierabend machte. Mittags speisten wir im Ochsen.
Es gab ja so viel zu erzählen nach der langen Trennung und mündlich ist
doch alles leichter zu erklären. Nach einer Woche musste sie wieder nach Hause, doch vorher hatten wir noch
eine wunderschöne Fahrt nach Schaffhausen unternommen. und kamen gegen Abend
an. Nach der Quartiersuche steigen wir hinauf zum Muonot oberhalb der Stadt.
Abendfrieden über den Dächern, die Schornsteine rauchten zum Abendessen, die
Schwalben und Mauersegler schwirrten umher - unvergesslich!
Am nächsten Tag zum Rheinfall, mit einem Ruderboot bis zum wasserumstäubten
Felsen inmitten des Falles, rechts und links stürzen die Wassermassen des
jungen Rheins herab. Dann weiter spaziert bis zu einer Fischzuchtanstalt, in
flachen Kästen werden die jungen Forellen herangezogen, ein netten Mann erklärte
uns alles. Ich beeilte mich am Abend, noch eine Karte an meinen Chef zu
schreiben, es sei zu schön, ich bliebe noch einen Tag. Am Montag früh fuhr
dann Hilde über Stuttgart zurück und ich nach Amriswil, erst im Herbst machte
ich einen wenige Tage währenden Besuch in Zwickau und meldete mich für das
Weihnachtsfest an.
Inzwischen setzte auch in der
Schweiz die Arbeitslosigkeit ein. Mein Chef hatte einen weiteren Mitarbeiter
eingestellt, einen etwas komischen Mann, er schrieb heimlich alle meine
Kolleghefte ab, auch beim Chef alle Lieferfirmen. Aufmerksam geworden, schickte
mich Herr Biefer mit dem Werkmeister in sein Zimmer, wo wir eine Art Haussuchung
machen mussten, Dabei fand ich die Abschrift meiner Kolleghefte, was ihm sicher
nicht viel genutzt hat, neben anderem. Aus Zorn meldete er beim Kantonalsamt,
ich würde als billiger Ausländer für das halbe Geld arbeiten wie ein
Schweizer. Damals gab es entweder einen Heizungs- oder einen Sanitärfachmann,
ich machte aber beides. Daraufhin entzog man mir die Arbeitsgenehmigung. Auf
Aufforderung meines Chefs mietete ich mir in Konstanz ein Zimmer in der
Rosgartenstraße und arbeitete so weiter, indem ich über Kreuzungen ins
Schweizer Gebiet fuhr. Leider aber hatten doch die Ordnungshüter meine vielen
Besuche registriert, daher kündigte mir Herr Biefer, und ich musste heimwärts
fahren. In Konstanz hatte mich meine Verlobte auch noch besucht - wunderschöne
Ausflüge nach Meersburg, die Insel Mainau, Lindau hatten uns herrliche Tage
beschert.
Mit Sack und Pack einschließlich
eines geschenkten Fahrrades wanderte ich heimwärts, allerdings verbrachte ich
erst noch ein 1/4 Jahr in Zwickau. Meine guten Schwiegereltern boten es mir an,
war es doch die Zeit der größten Arbeitslosigkeit.
Daheim fand ich mich bald zurecht
(1934), meine Schwester und mein Schwager hatten ein kleines Häuschen in
Ottenhain verkauft, dazu gab es Baukostenzuschuss zur Behebung der
Arbeitslosigkeit.
Wir besuchten nun gemeinsam zu dritt allerlei Bauten. Dabei sagte mein
Schwager Erich Haidig beim Betrachten einer Heizung "so was könntest Du
doch auch machen".
1932 bei einem Besuch in Zittau bei den Eltern meines Stiefvaters Willy
Milke erzählte der Großvater Milke - er war Wassermeister der Stadt Zittau und
wohnte im Wasserturm beim Bahnhof - ein Klempner hatte aufgehört, man könne
sein Werkzeug kaufen. Ich sah es mir an, sie wollten 600 M ich bot 300 M und
bekam es. Schwager und Schwester wohnten in der Seminarstraße bei Krause.
Dieser stellte mir einen Raum als Werkstatt zur Verfügung, das Werkzeug kam und
wurde eingeräumt. Nun hieß es Arbeit suchen. Nach 1933 wurden Mittel zum
Bauen freigemacht; bei einem Vortrag von Baumeister Schubert im Wettiner Hof
lernte ich einen ehemaligen Lehrling von Kupferschmied Posselt kennen, er war
arbeitslos. Ich bot ihm an, bei mir zu arbeiten, wenn ich etwas hätte. Durch
Bekannte hörte ich, dass Lehrer Rönsch ein Haus bauen wollte. Bei einem Besuch
legte ich ihm meine Zeugnisse und Fotos aus meiner bisherigen Tätigkeit vor;
jedenfalls war mein Eindruck doch so, dass er mir die Heizung und
Sanitärinstallation
in seinem Neubau anbot, der erste Bau seit 1930 in Löbau.
Vorher hatte ich bei den Kessel- und Heizkörperfirmen um Prospekte und
Preise gebeten, sie lehnten aber ab, da Posselt ja von ihnen beliefert wurde.
Nur eine Firma Buderus gab mir alles Verlangte. Der Vertreter, Herr Berthold,
hatte in Dresden eine neue Filiale aufgemacht und suchte seinerseits Kunden,
Dadurch bezog ich alles von ihm, zumal er mit gute Zahlungsbedingungen bot, 3
% Skonto bei Vorauszahlung oder 2 % bei sofortiger Zahlung, was ich dank eigener
Ersparnisse und einem Darlehen von 3000 M vom Schwiegervater machen konnte.
Neben Lehrer Rönsch baute Straßenmeister Krebs ein gleiches Haus und im
Vertrauen, dass Lehrer Rönsch sich schon die besten Lieferanten ausgesucht hätte,
bekam ich dort auch die Heizung. Ein Klempner Willy Kießling versuchte mich bei
der Stadt bloßzustellen, da ich die Abflussleitungen bei Rönsch in Eisenrohr
angefertigt hatte, wie ich das von der Schweiz her kannte. Es gelang ihm aber
nicht, da mir der Stadtbaudirektor Schmidt half (er hatte sich mal für meine
Mutter interessiert). So kam ich langsam ins Geschäft, Kaufmann Lischka behielt
allerdings 10 % ein, damit ich bei ihm Waren einkaufte oder kleine
Reparaturarbeiten durchführte.
Inzwischen waren die Nazis ans Ruder gekommen, sie bauten die ehemalige
Pianofortefabrik von Crasselt & Rähse zu einem Parteihaus um. Außer
Posselt und mir waren noch je eine Firma aus Bautzen und Görlitz zur
Projektabgabe aufgefordert worden. Posselt war der teuerste (der Sohn war
Ortsgruppengründermitglied der Nazis); er hoffte dank seiner
Parteizugehörigkeit
den Auftrag zu bekommen, doch war das Stadtbauamt noch nicht genügend
gleichgeschaltet, wie man damals sagte, und so wurde ich gefragt, ob ich zu dem
Preis des billigsten (Görlitzer) den Auftrag übernehmen wollte, was ich auch
tat. Da später weitere Ausbauarbeiten dazukamen, die ohne Konkurrenz vergeben
wurden, kam ich trotzdem noch zu einem, wenn auch bescheidenen Gewinn. Die
Ausführung hatte ich an Altus, dem ehemaligen Lehrling und einem seiner Be-
kannten aus Bautzen im Akkord vergeben. Der Baumeister verschloss abends die Tür,
damit niemand länger arbeitete, da er es bei meinen Leuten gemerkt hatte. Doch
diese hatten ein Kellerfenster offen gelassen und stiegen dann später heimlich
ein, um weiter zu arbeiten.
Allerdings hatte sich der junge Posselt nun gewaltig gerührt. Die nächsten
Jahre bekam ich keine städtischen Arbeiten mehr u. a. auch nicht das Gewandhaus
und das Schwesternhaus beim Krankenhaus (beide Bauten habe ich dann später
verbessern müssen. Posselt hatte zu knapp gerechnet). Dafür kamen nun von den
umliegenden Rittergütern Arbeiten, u. a. vom Freiherrn von Lüddgenhaus in Gießen
u. a. Die ehemalige Schuhfabrik von Nedon hatte Konkurs angemeldet und wurde von
der Stadt übernommen. Aus der Lagergebäude an der Straße wurde ein Wohnhaus
mit 8 Wohnungen gemacht und ich sollte das Sanitär ausführen. Auf meine Frage,
ob man da eine Wohnung bekommen könnte, wurde mir die Ecke im 2. Stock
zugewiesen. Mit ca. 80 qm stand mir eine Freifläche zur Verfügung, die ich
nach meinen Iden einrichten konnte. Selbstverständ1ich baute ich erst auf
eigene Kosten ein Bad ein und Etagenheizung mit Kessel im Bad. Die Wohnung
bestand aus meinem Büro, einem großen Wohnzimmer über Eck, dann einem
Schlafzimmer - ebenfalls über Eck - und. einem Kinderzimmer, dazu eine kleine
schmale Küche wegen des Kinderzimmers. Nun hatte ich als Junggeselle eine
Wohnung, aber noch keine Frau, Doch dem war abzuhelfen. Am 28. 4. 1934
heirateten wir in Zwickau, nur Muttchen und Vater Farak waren dabei. Nachmittags
fuhren wir bereits nach Löbau, und am Sonntag trat ich mein Amt als Ehemann
an, indem meine Holde alles Geschirr wusch und ich abtrocknen musste,
21.
2. 1985
Kunden
fanden sich nach und nach weitere ein, mit meinen wendigen Monteuren und Helfern
kam wir gut ins Geschäft. Durch glückliche Umstände entging ich zwei
Konkursen, die nur meinen Konkurrenten trafen, später kamen Arbeiten in der
Kaserne
dazu, da ja die Wehrmacht aufgebaut wurde. 1936 setzte die Arbeit kurzzeitig aus
was uns aber nicht sehr traf, hatten wir doch unseren ersten Sohn zu betreuen.
Im ersten Ehejahr machten wir kurzfristig eine heimliche Reise nach Venedig,
verbrachten einige Tage in der Lagunenstadt, die ich von früheren Geschäftsreisen
her gut kannte, meine Frau jedoch nicht. Hinzu übernachteten wir in München,
am nächsten Tag weiter bis Verona mit 2 Std. Aufenthalt, den wir benutzten um
auf dem Bahnsteig hin-, und herzuwandern, wir hatten ja noch kein italienisches
Geld durch die Devisensperre. Endlich weiter, nachts um 12 Uhr trafen wir auf
dem Bahnhof ein. Ein freundlicher Italiener besorgte uns in Bahnhofsnähe ein
kleines sauberes Quartier, ich konnte es mir trotz der späten Stunde nicht
versagen, eine Portion Spaghetti zu bestellen. An nächsten Morgen bestiegen wir
eine der malerischen Gondeln bis zum Markusplatz, um dort unseren Reisescheck
einzulösen. Es gab bereits den ersten Krach mit dem Gondoliere, der uns für
dumme Ausländer hielt und große Umwege auf den Kanale Grande fahren wollte.
Den ersten Tag hatte meine liebe Frau keine Zeit zu einer Unterhaltung, sie
wollte sich nur umsehen. Im Gasthaus bat ich den Kellner, mit ein paar Rosen
zu besorgen, da an nächsten Tag unser erster Hochzeitstag war. Heimgekommen,
fanden wir einen großen Korb mit 25 der herrlichsten Rosen vor, so stark
dufteten, dass wir sie über Nacht in den Flur stellen mussten, Die nächsten
Tage ging es kreuz und quer durch die Stadt, Fahrten mit Schiff, Wanderungen in
die nähere Umgebung zu Schiff, gemütliche Mittagessen auf italienische Art. -
man vergisst doch nicht so schnell die Sprache und Gewohnheiten. Bei Spaziergängen
auf dem Lido bekamen wir eine solche Bräune, dass unsere Leute daheim nach der
Rückkehr erstaunt fragten, wo wir denn so braun geworden wären, es hätte doch
die ganze Zeit geregnet. Wir erzählten verlegen etwas von Sonne auf dem
Fichtelberg, da wir ja nicht sagen konnten, dass wir unsere ersten Verdienst so
leichtsinnig ausgegeben hatten. Schwager Erich hatte ich ersten Jahr meine Buchführung
gemacht und erstaunt festgestellt, dass wir wohl 2000 bis 3000 M brutto
verdient hätten (er bekam wohl 150,- M/Monat), daher das Familienschlagwort
"Kurt verdient ja, er kann bezahlen!“, wenn wir zusammen fortgingen.
Berichtigung
zu Seite 52 vom 21. 2. 1984
Im
Herbst 1934 verreisten wir zwei nach der Schweiz.
Am nächsten
Tag wieder Aufstieg zum Säntis, über den Lysengrat zum Altmann, ca. 2000 m und
Abstieg zur Fählensee - Hütte am See, Quartier. Am nächsten Tag über den
Grat, mit Sonnenbad (Kratalpfirst-Furgglenfirst, Stauberern zur Hütte Hoher
Kasten), übernachtet, dann Abstieg nach Weißbad, Heimfahrt über Appenzell -
St.- Gallen, Rohrschach — Lindau und heim. Während der Bergtouren herrliches
Wetter, bei der Rückfahrt ab Rohrschach Regen.
Erst 1935
Fahrt nach Venedig wie beschrieben, 1. Hochzeitstag in Venedig verlebt und am
Lido, daher die Bräune, die unseren Leuten in Löbau auf fiel,
Nach
Geburt unseres Peters 1936 sind wir 1937 nach Verona, Rom, Venedig und Capri
gefahren. 1937 machten wir eine Frühlingsfahrt nach dem Bodensee. Erst Quartier
in Lindau, Besichtigung der altertümlichen Stadt, Kahnfahrt am Seeufer entlang
nach Bad Schachen, herrliche Frühlingswanderung nach Wasserburg, Dann
Weiterfahrt nach Konstanz - Meersburg, Besichtigung der Insel Mainau,
Überlingen
usw. dann Heimfahrt.
1938
Geburt unseres Andreas
1939 starb
Papp Farak und Muttchen zog nach Löbau in die Siedlung Neusalzaerstraße.
Muttchen und Frau Böhme versorgten unsere beiden Jungen, und wir machten die
Fahrt wie beschrieben nach Rom, Neapel und Capri.
Kriegsausbruch
1. 9. 1939 bis 1945,
Nach der Geburt unseres zweiten Sohnes Andreas gaben wir etwas später
beide Söhne bei den Schwiegereltern in Zwickau ab und unternahmen im Mai 1939
eine herrliche Reise nach Italien. Spät
nachts ab bis zum Morgen in München, dort gut gefrühstückt in einem tollen
Hotel, dann Weiterfahrt über den Brenner, Verona, Florenz nach Rom. Vor Rom
feudal im Speisewagen Mittag gegessen, spät abends angekommen, im nächsten
Hotel am Bahnhof genächtigt. Bei einem Spaziergang kamen wir an unserem
ehemaligen Kirchenchor-Treffpunkt, beim Biaggio Negre vorbei. Bei meiner Erk1ärung
und Zeigen der Trattoria stürzte der alte Biaggio heraus, erkannte mich wieder,
und nach kurzem Diskurs zogen wir in ein kleines Gasthaus in seiner Nähe um,
verbrachten manchmal nach alter Sitte unsere Abendbrotzeit bei ihm. Unser
ehemaliges Kneipenbuch mit den Zeichnungen unseres ehemaligen 2. Pfarrers
Reimers war noch wohl behütet, auf manchem Bild war ich auch zu sehen.
Rom wurde kreuz und quer durchstreift während der nächsten 8 Tage, doch
ist ja diese Zeit viel zu kurz, um nur ein kleines Bild der Ewigen Stadt zu
zeigen. Unsere Fahrkarte war bis Neapel gelöst, doch verbrachten wir noch 2
Tage in Neapel selbst, uns zog es nach Capri, mit Missfallen unseres
Hotelwirtes, der uns schimpfend ob dem kurzen Aufenthalt — ein kleines Hotel
an der Marine Grande (dem Hafen) nannte. Nebenbei eine kleine Episode. In Rom
musste ich meiner Frau ein Paar Schuhe kaufen, da sie beim Einpacken zwei linke
Schuhe mitnahm. Ich hatte ihr gesagt, dass sie nicht so viele Schuhe mitnehmen müsste,
deswegen packte sie 1 Paar wieder aus, leider zwei rechte. In einem guten
Laden wurden passende Schuhe gekauft, doch nach Verlassen des Ladens erklärte
sie, nicht weiter laufen zu können, die Schuhe seien viel zu eng (trotz Anprobe
im Laden ) Daher Kauf eines weiteren Paares! Und, auf Capri, bei einem Bade trat
sie in einen Seeigel mit unzähligen Stacheln, die erst im Laufe der nächsten
Heimatwochen herauskamen. Also Kauf eines Paares Dachdeckerschuhe mit
Hanfsohlen, nachdem die in Capri gekauften entzückenden blauweißen
Carpi-Sandalen nicht mehr tragbar waren. Pech!
Wir wohnten direkt am Meer, nur
durch eine Straße vom Strand getrennt. Tag und Nacht war das Rauschen der
Wellen hörbar, im Hintergrund nachts der rötliche Schein des Vulkans am
Himmel. Vor dem Zimmer eine Veranda, nur durch die offene Tür mit breitem
Perlenvorhang getrennt.
Auf unseren Wanderungen rings um
Capri fanden wir eine wunderschöne kleine Kneipe gegenüber den Faraglioni, den
einzeln stehenden Felsenkegel im Meer. Der Wirt, ein sehr netter Italiener,
besaß mit seiner Frau eine größere Fremdenpension, aber aus Liebhaberei
bewirtete er die kleine Gaststätte im Sommer, Das einzige Zimmer war wunderschön
mit Malereien aller Art ausgemalt, deutsche Maler hatten gegen Kost die Wände
bemalt. Überall auf der Insel fand man die Felsen an schönen Aussichten mit
Farben bekleckst durch Maler aller Nationen, die dort malten und sich so ihr
Brot verdienten oder bei guten Verhältnissen ihre Ferien verbrachten. Für eine
lächerliche Summe bewirtete er uns, sein Geld verdiene er im Sommer an den
reichen italienischen Kriegsgewinnlern und sonst im Frühjahr durch Touristen;
in der toten Zwischensaison mache es ihm Spaß uns so gut und billig zu
bewirten. Ich sprach italienisch mit ihm und er mit meiner Frau deutsch; Er
lieh, uns Liegestühle und Badesachen (was leider die Igelstacheln zur Folge
hatte).
Wir konnten um die Insel wandern wo
wir wollten, mittags landeten wir immer wieder bei den Faraglionie und der
kleinen Gaststätte. Zum Ärger unseres Hotelpersonais, die uns gern selbst als
Mittagsgäste haben wollten. Wenn hohe Regierungsbeamte ihre Gäste nach Capri
brachten, speisten sie stets dort als etwas besonders Schönes. Capri wird uns
stets unvergesslich bleiben, diese Tage dort rings umgeben vom Meer, die Blicke
zu den nahen Küsten hinaus aufs Meer, Leider hatten wir mit dem Wetter Pech,
eine Reihe von Regentagen, etwas ungewöhnlich im Frühlingsparadies, vertrieb
uns. Über Neapel nach Rom, dort noch einen Tag Aufentha1t mit einem köstlichen
Mittagessen im Ristornate del Opera und heim über Zwickau, wo wir unsere gutbehüteten
Kinder nach hause holten. Es waren die letzten Tage vor der nahenden
Kriegsgefahr, am 1. August wurde das lange vermutete Unheil Wirklichkeit.