Der Ingenieur

 

So waren die 12 Monate schnell herum, es hieß Abschied nehmen und Arbeit suchen. Man dachte, sie würden auf uns Studierte  warten - aber nichts war! Ich kaufte mir eine Schreibmaschine und schrieb auf jedes Inserat - alles nichts. Ich versuchte es dann in Görlitz bei der Fa. Stangen & Co., als Heizungshelfer kam ich an. Meiner Mutter Kaffeekränzel-Schwester war die Frau des Kupferschmiedes Posselt in Löbau,. für den ich ab und zu ein kleines Projekt machte. Er bot mir an, bei ihm als Heizungsmonteur zu arbeiten und nach Feierabend die Projekte anzufertigen, letzteres natürlich ohne Bezahlung. So kam ich allmählich in die praktische Arbeit. Damals kamen die Schweißapparate auf, man nahm den Brenner in die Hand und versuchte es, bis es gelang, Vom 10. 11. 1925 bis 5. 2. 1926 schaffte ich an so mancher Heizung. Inzwischen inserierte ich in unserer Münchner Fachzeitung ,,Gesundheitsingenieur" und bekam ein Angebot von einer Firma Giacomo Horn aus Roma. Er wollte aber weniger Zeugnisse, vielmehr Zeichnungen, die ich ihm schickte. Nach etlichem Schriftwechsel stellt er mich ab 15. 2, 1925 als Heizungstechniker ein, obwohl seine Tätigkeit hauptsächlich in feinster Sanitärin­stallation in Hotels und Villen sowie Palästen lag.  

Zufälligerweise bekamen meine Schwester und ich eine kleine Summe als Aufwertung von Großmutters Papieren ausgezahlt, es langte gerade zur Fahrkarte und für einige Wochen Unterhalt. Mein Koffer wurde irrtümlich nach San Remo geschickt, da hier niemand wusste, wo Roma lag - ein Bahnerirrtum. In München übernachtete ich und fuhr am anderen Morgen über den Brenner nach Verona. Kurz vorher unterspülte ein Unwetter die Gleise der Brennerbahn, im Wasser lag eine umgestürzte Lokomotive, die Geleise waren seitlich umgelegt. Die Nacht wurde im Wartesaal von Verona verbracht, da ich ja nur 3. Klasse fuhr, Schnellzüge in Italien hatten nur 2, und 1. Klasse. In der Nacht machte ich die Bekanntschaft eines jungen Deutschen, der bereits öfter in Rom gewesen war, Hocherfreut schloss ich mich ihm an, da ich ja sprachunkundig war, er radebrechte etwas italienisch, Am nächsten Morgen ging’s mit einem Aceelerato, d. h. Personenzug 3. Klasse, weiter nach Rom. Am späten Abend war es erreicht. Als gewissenhafter Deutscher war der Kauf eines Stadtplanes unerlässlich, Leider verirrte ich mich auf einer ähnlichen Straße, Alexandrina statt Alesandria. Nur das Besteigen einer Droschke brachte mich zu meinem neuen Chef, Durch ihn bekam ich dann mein neues Quartier etwas außerhalb der Stadt, romantisch gelegen in einer kleinen Gasse, links schöne Einfamilienhäuser mit blühenden Gärten, auf der anderen Seite eine weiße Mauer mit dick überhängenden blühenden Glysizien, vor dem Zimmer eine große Edeltanne, bei einer Deutschen, angestellt am Konsulat.

 

6. 1. 1982  

Herr Horn war Deutscher aber naturalisierter Schweizer mit Schweizer Frau, ein sehr genauer Herr, ehemals 0bermonteur meines zweiten Schweizer Chefs, Herrn Geiger, mit dem er viele  Hotels an der Riviera zusammen erbaut hatte. Mit 10 bis 12 Monteuren - Deutschen, Schweizer und Italienern - führte er beste Sanitäranlagen hauptsächlich in Hotels, Palästen der adligen Italiener ohne jede Konkurrenz aus. Besonders Hotels wurden damals mit fließenden Wasser ausgerüstet, die besseren Hotels mit Bädern, wofür ein Gastzimmer geteilt wurden um zwei Bäder daraus zu gewinnen. Bäder mit Einbauwannen, Waschbecken, Bidets und Klosetts wurden installiert, mit neuer Warmwasserbereitung, neue Toilettenan1agen, alles in einer soliden Ausführung mit besten Schweizer Apparaten. In den Palästen wurden großartige Installationen durchgeführt, mit Dauer des Baues über mehrere Jahre. Damals führte er gerade die Installation eines Palastes an der Riviera aus. Das Bad der Dame war achteckig mit Stufenbadewanne in der Mitte unter dem Oberlicht, in den abgeteilten Ecken Waschbecken, Klosett, Bidet und Dusche, alles mit Marmor ausgekleidet, neben allen anderen Apparaten in den Zimmern, der Küche, Toiletten usw. Sehr große Armaturen, Abläufe 1“ bis 1 1/2“ Zulaufbadebatterien mit zweimal 1“, mit 5/4" Auslauf, jeder Apparat für sich absperrbar mit Warm- und Kaltwasser.  

Gleichzeitig wurde die Villa Lewi installiert, Sie lag ca. 2 m über Straßenniveau, umfasste ein ganzes Straßenviereck. Rechts und links die Auffahrt in der Mitte eine große Brunnenschale mit ca. 1 m breitem Wasserfall, durch eine Pumpe ständig umgewälzt. Bauzeit ca. 5 Jahre. Im Rohbau waren alle Leitungen unter Putz verlegt, die Apparatemontage geschah 2 Jahre später, nachdem die Wände mit Marmor verkleidet worden waren, Die Hauptinnentreppe führte rechts und links in der Halle empor, die die Ausmaße eines normalen Einfamilienhauses hatte. Die Treppengeländer waren 1 m breit und kunst­voll mit Mosaikeinlegearbeit verziert; 4 bis 5 Mann arbeiteten bald 1 Jahr daran, Die Revisionsschächte im Keller waren mit öldichten Deckeln abgedeckt, innen mit halbförmigen Feuertonschalen verlegt, um feststellen zu können, ob die Leitungen verschmutzt waren, beim Ausgang zur Schleuse mit Generalgeruchsverschluss versehen mit Frischluftkästen. Jeder Apparat wurde hinter dem Geruchverschluss mit Sekundärluftleitung versehen. 5/4" für die Waschbecken, Bidets und Küchenapparate, die Klosetts und Wannen mit 1 1/2", die Sekundärluftleitung unterhalb des tiefsten und oberhalb der höchsten Apparateanschluss an die Abschlussleitung eingeführt, jede Abflussleitung über Dach entlüftet, mit Bleiwolle verstemmt, die Leitungen bis zum Dach mit Wasser gefüllt und abgedrückt, wobei alle Apparateanschlüsse verschlossen und verstemmt wurden. Ich musste eine Stunde den obersten Apparateanschluss beobachten, ob etwa der Wasserspiegel sank, sonst musste der Monteur die undichte Stelle nachstemmen. Diese Art der nach "englische Art" hergestellten Installationen kannte ich nicht. Ich war bemüht, jede Akte und Zeichnung nachzusehen, wenn der Chef das Büro verließ; in Kürze hatte ich mich dann eingearbeitet. Schwierig war das Herstellen des Erläuterungsbericht  und Kostenanschlages in italienisch. Mit Hilfe alter Berichte usw. schrieb ich alles ins Unreine, und ein Italiener kam dann, schrieb es fertig und besserte natürlich Fehler aus.  

Herr Horn hatte mich hauptsächlich eingestellt, um in der Villa eines deutschen Arztes, Dr. Ohle, eine Warmwasserheizung einzubauen. Ich hatte keine Ahnung, welche tiefste Außentemperatur ich annehmen sollte, es waren wohl -5 °C was nur im kalten Winter 1928/29 übertroffen wurde mit -10 °C, eine ungewohnte Temperatur in Rom, meist kaum unter +5 ° C. In Rom gibt es keine Wasseruhren, sondern Wassermesshähne, die eine bestimmte Menge Wasser durchlassen. Das wird dann auf dem Dach, meist im Freien, aufgefangen und zu den Apparaten geführt. damals 1928/29 zerfroren alle Behälter, meist aus verzinktem Eisenblech mit 200 1 Inhalt. Unter Mussolini wurde angeordnet, dass von der Leitung in jeder Küche ein Hahn mit direktem Wasseranschluss war bevor das Wasser zu den Dachbehältern ging, - da hatten die Römer wenigstens noch Wasser. In den großen Hotels standen die Behälter unter Dach, meist in Zementbehältern. Bei der Probe der Heizung musste ein Monteur im Keller mit Druckpumpe ständig nachspeisen.

Dann wurde das ganze Netz unter Druck gesetzt. Materialausgabe nur donnerstags von 8 bis 10 Uhr durch den Chef und mich, Wehe dem Monteur, der etwa zwischendurch etwas Material benötigte. Ein Monteur müsse wissen, was er in der nächsten Woche brauchte, wurde vom Chef gesagt. Dadurch erzog er die Monteure zur genauen Überlegung, was gebraucht wurde. Und wenn er das Doppelte oder Dreifache an Material mitnahm, das spielte keine Rolle. Es war verständlich, denn bei Bauten unterhalb Roms in Unteritalien oder Sizilien war ja keine Möglichkeit, am Ort Material zu bekommen. Daher wurde ein Monteur, der von der Firma Horn kam, von jeder anderen Firma mit großer Freude eingestellt, da es die bestausgebildeten Monteure waren.  

Leider genügte dem Chef meine Arbeit aus irgendwelchen Gründen nicht, besonders nachdem er seinen deutschen Neffen einstellen wollte (auch einen Studienfreund von Aue, dem ich Arbeit bei Horn verschafft hatte, zog er mir vor, doch dieser verzichtete darauf und ging zurück). Ich war vom Februar bis Herbst bei ihm, bekam die Kündigung und wollte eigentlich  nach Deutschland zurückkehren. Einer unserer Monteure, der mich zum Kirchenchor mitgenommen hatte, forderte mich auf, es doch bei der Firma Salus zu versuchen, die damals einen der modernsten und größten Hotelneubauten in Rom aus führte, das AmbaasadorHotel.  

Kurz entschlossen versuchte ich es, besuchte den Chef Herrn Geiger, einen Schweizer, schon an die 70 Jahre alt, der ehemals Mitinhaber der Firma Geiger & Muri gewesen war, die sehr viele italienische und französische Hotels installiert hatte. Sein jetziger Betrieb war ein Zweigebetrieb der größten deutschen Sanitär- und Heizungsfirma Wolferts & Wittmer, Hauptsitz in Berlin und in vielen anderen Städten. Wir unterhielten uns sehr nett, er erzählte mir, dass er bereits zwei Ingenieure habe, einer war mit nach Girgenti zu einem Hotelneubau gegangen, der andere war im Büro. Eigentlich könne er mich nicht gebrauchen, da er ja bereits zwei Ingenieure habe, aber da ich von der Firma Horn käme, hätte er Interesse an mir. Nach meiner Gehaltsforderung befragt, nannte ich keck 1500 Lire; bei Horn hatte ich erst 600 und nach 4 Monaten 800 Lire. Er meinte zwar, es sei etwas hoch für den Anfang, aber wenn ich mit 1200 Lire einverstanden sei,  könne ich anfangen. Hoch erfreut nahm ich an, war es doch 50 % mehr als bei Horn (damals war 1 Mark = 4.20 Lire). Bei der ersten Gehaltszahlung gab mir Herr Geiger jedoch 1250 Lire, da er sich nicht mehr erinnerte, was er mir geboten hatte. Ich nahm es natürlich an.  

Nach einem halben Jahr verließ uns der Schweizer Buchhalter. Mein Chef, Herr Geiger, gab mir ein Kontobuch mit zwei Spalten für Soll und Haben und ein dickes Scheckbuch mit Blankoschecks und meinte; ,,So, Herr Michel, Sie bezahlen alles damit, wenn die Schecks alle sind, bekommen Sie ein neues Scheckheft." Und das musste ich 1 1/2 Jahre lang machen. Mein Gehalt verbesserte sich langsam von 1250 auf 2000 Lire/Monat auf, wogegen Herr Geiger nichts hatte. Dazu kamen es, 2000 Lire Reisespesen im Monat, nur die Hälfte der Spesen meines Chefs. Er unterschrieb, und alles ging glatt, Wir arbeiteten aber auch mit fast 100 % Gewinn, da ich gut kalkulierte. Herr Geiger besuchte die alten Kunden von früher, Wir versendeten jedes Jahr viele Prospekte, die Ant­wortkarten mit Wunsch nach einem Ingenieurbesuch sortierte der Chef. Was er kannte - große Hotels besuchte er selbst, den Rest übergab er mir. Bei Cooks Reisebüro stellte man mir die Reiseroute mit Fahrzeiten, Anschlüssen und Fahrkarten  zusammen. Ich fuhr los mit einem kleinen Köfferchen mit Akten, Schlafanzug und Waschzeug. Die schmutzigen Strümpfe ließ man im Hotel liegen, sie waren spottbillig, auch Obenhemden usw. So eine Fahrt konnte eine Woche bis zu 14. Tagen dauern. Die Abrechnung bestand in einer Summe, Belege wie Hotelrechnungen, Fahrkarten usw. wurden nicht verlangt. Man gab die Reiseroute an, und wenn es die Hälfte der Spesen des Chefs war, unterschrieb er. So kam ich manchen Monat zum Schluss auf 3500 bis 4000 Lire. Ein Ingenieur in Deutschland verdiente damals so gegen 125 bis 200 Mark, das waren etwa 850 Lire bis 1000 Lire; ich hatte also fast das Vierfache verdient.

Mein Firmeneintritt verlief jedoch nicht so glatt. Die beiden Ingenieure, vor allem der in Rom zurückgebliebene, ließen mir keinen Platz im Büro, sie hätten keine Arbeit für mich. Nur nach Feierabend ging ich ins Büro, da ich da Herr Geiger allein antraf. Er war Junggeselle und hielt sich mehr im Büro als in seinem Zimmer auf. Wie ich es bei Fa. Horn gewöhnt war besuchte ich die Baustellen stellte Werkzeugbücher auf, richtete Kaution für die Werkzeuge ein, räumte das total verwahrloste Magazin ein, kurz - den ersten Monat war ich nur auf Baustellen, Mein Chef fragte mich, was ich denn so zu tun hätte. Als ich ihm jedoch die Werkzeugbücher vorlegte, Kautionslisten, Magazininventar usw. war er überrascht und zufrieden. Nur meinem Kollegen passte das absolut nicht, er fürchtete mich wahrscheinlich als Konkurrenz.  

Damals bauten wir im Hotel Ambassador, wo jedoch viele Arbeiten  - außer Kostenanschlag - anfielen. Ich musste diese Arbeiten mit Material und Zeit aufstellen. Herr Geiger musste den Hoteldirektor bei guter Laune zum Unterschreiben der Rapportzettel bewegen (der Direktor bekam im Privathaus eine komplette Badeeinrichtung als Geschenk). Durch diese Extraarbeiten kam etwas mehr Gewinn heraus, das Hauptprojekt war wahrscheinlich nicht zu reichlich gerechnet. Das Hotel wurde mit Feuertonbadewannen aus Feuerton ausgestattet, das Stück mit je 1 t Gewicht, direkt nur in 1. Wahl aus England importiert. Alle anderen Apparate auch aus Feuerton, bestes Schweizer Fabrikat von der Neuen Deco-AG., Zürich-Luzern, Die Installation erfolgte nach englischem System. Auf dem Dachboden zwei sehr große Zementbassins, eins für Kaltwasser, eins für Warmwasser, Die Heizungsfirma De Micheli baute eine Seewasserentsalzungsanlage ein, deren Schwimmer immer hängen blieb; man brauchte nur daran rühren und es klappte. Da die Direktion Beschwerden von den Kunden bekam, es sei kein Warmwasser da (leider hatte Herr Geiger der Hoteldirektion meine Anschrift gegeben), so kamen sie mitunter mitten in der Nacht und holten mich. Man musste nur leicht an den Schwimmer klopfen, dann füllte sich der Warmwasserbehälter. Leider war es nicht möglich, jemanden vom Hotel dazu zu bewegen, nachts dort hinauf zugehen und an den Schwimmer zu klopfen,

Nach einem Monat zeigte mir Herr Geiger das Projekt eines Hotelausbaues in einem ehemaligen Kloster in Taormina in Sizilien. Beim Durchsehen stellte ich fest, dass böse Schnitzer in den Kosten und auch im Projekt selbst vorkommen, so konnten wir das Projekt nicht abgeben, Ich enthielt mich einer Kritik, aber der Chef sah selbst, dass wir das Projekt so nicht abgeben konnten. Es war Sonnabend Nachmittag! Zusammen beschlossen wir, alles noch einmal soweit als möglich zu ändern, da am Montag die Kunden kamen. Sonnabend Nacht und den Sonntag über arbeiteten wir beide, Herr Geiger schrieb mit zwei Fingern, während ich die Zeichnungen änderte und die geänderten Materialien auszog. Ab und zu verschwand der Chef und holte von einer nahgelegenen Selbstbedienungsgaststätte etwas zu essen und zu trinken. Am Montag Morgen kam der Ingenieur und fand seinen Kostenanschlag im Papierkorb. Darauf gab es großen Kracht, der Chef hatte mich gebeten, dabei zu sein, Nach ausführlicher Debatten stellt der Ingenieur dem Chef die Alternative "entweder geht Michel oder ich!" Daraufhin musste der Buchhalter seinen Monatslohn auszahlen und er stellte verdutzt fest, dass er geben konnte, was er wutentbrannt auch tat. Nur ich saß da mit einem dummen Gefühl, auf einmal alles allein machen zu müssen. Es ging jedoch besser als gedacht. Außer unserem Buchhalter waren wir mit dem Chef drei Mann bei wechselnden ca. 15 bis 25 Monteuren. Meist hat ten wir deutsche und schweizer Monteure, jedoch auch manch mal andere Ausländer, dazu italienische, angelernte Kräfte, die sich teilweise sehr gut einrichteten.  

Von einem Monteur der Firma Horn wurde ich eines Abends zu einem Kirchenchorprobe in die Sakristei der Evangelischen Kirche mitgenommen. Vor dem ersten Krieg wurde das archäologische Institut in Rom neu erbaut, anschließend ein Pfarrhaus und eine sehr schöne neue Kirche im romanischen Stil; anstelle der Bänke gab es strohbezogene italienische Stühle, sehr gut passend. Sonntag Vormittag trafen wir uns vor der Kirche, zum Gottesdienst auf der Empore und nachher wurde vereinbart, wo wir uns treffen wollten. Meist am Kiosk an der Engelsbrücke, um dann mit der Straßenbahn an irgendeine Endstation zu fahren und von dort aus weiter zu wandern. Zum Schluss ging es meistens in irgendeine kleine Ostieria, wo der Wirt beflissen den Tisch oder die Tische abräumte ein neues Tischtuch auflegte und sich ob der unvermuteten Gäste freute. Nach etwas Weingenus wurden die Chormitglieder meist sangeslustig, und da alle Stimmen vom Bass bis Sopran vorhanden waren erklangen vierstimmig alte deutsche Volkslieder, was in Kürze einen starken Gästezulauf bewirkte - zur Freude des Wirtes!  

Jeden Freitag Abend von 6 bis 7 Uhr trafen wir uns gemeinsam beim Biaggion Negro, einer Weingroßhandlung, mit drei großen Weinfässern im Hintergrund, die üblichen Marmortische, besonders ein großer Tisch sonst Familientisch, wenn wir kamen, unser Platz, Meist waren wir 10 bis 20 Personen, Weiblein wie Männlein, die Ehefrauen der beiden Bierbrauer der größten italienischen Bierbrauerei in Italien, Birreria Perroni, dann Angestellte, Gärtner, Doktoren aus dem Archäologischen Institut, besonders aber stets der zweite Pastor der Evang. Kirche, einst Pastor Reimers, ein guter Karikaturenzeichner. In unserem Kneipbuch zeigte ich 1939 meiner Frau bei einem Rombesuch das Buch auch ich war des öfteren erwähnt. Wie bekannt ich dort neben den anderen war, zeigte sich im Mai 1939. Wir logierten in einem Hotel am Bahnhof und gingen in Richtung Forum Romanum. Meiner Frau zeigte ich im Vorbeigehen die Kneipe, als auch schon der alte Biaggio Negro herauskam und rief: ,,Oh, il signore Michele, come wa“ wie geht es ? Wir mussten mit hineingehen, saßen dann - begrüßt von Frau, Tochter und Sohn beisammen, und es ging ans Erzählen. Meine Frau konnte jedoch nur ab und zu eine Übersetzung bekommen, ich selbst staunte, wie mein Reden in italienisch noch ging. Der Wirt besorgte uns in der Nähe ein kleines Hotel, unser Abendessen fand meist bei ihm statt,  

Durch den Kirchenchor kamen viele schöne Bekanntschaften zustande; mit Freund Raith und Scherer saßen wir meist zum Abendessen beim Biaggio, aus einer nahen Resticceria wurden gebackene Reisknödel mit Inhalt geholt, irgendetwas Gebratenes, dazu ein Viertel Castelliwein. Oder wir unternahmen abends irgendeinen kleinen Ausflug ins Forum, in einen der schönen Gärten; sonntags auch nach Ostia ans Meer, besonders im Sommer ab Mitte Mai bis September. Freund Kestler baute ein einfaches Zelt zusammen, da es verboten war, am freien Strand sich ohne Zelt auszuziehen, berittene Polizei schwärmte stets umher, Wer kein Zelt vorweisen konnte, musste sich anziehen und weggehen. Meist früh um 8 Uhr im ersten Wagen ganz vorn saß Fräulein Jungfer, dazu kam Freund Raith und ich, um mit der Schnellbahn Rom - Ostis ans Meer zu fahren. In einer deutschen Bierkneipe holten wir das Zelt, trugen es weitab an den freien Strand, damals weit hinaus frei, nur wenige Badeanstalten in Bahnhofsnähe (1939 mit meiner Frau fanden wir soweit das Auge reicht Badeanstalten, nur ein Stückchen freier Strand gegenüber dem Bahnhof zur Erinnerung wie es mal früher war). Im Laufe des Vormittags traten mehr und mehr Bekannte ein, vielfach mit Besuchern aus der Heimat, die sich meist einen elenden Sonnenbrand holten. Wir waren es gewöhnt und braun wie die Araber. Essen hatte jeder mit, nur abends war der Durst groß, er wurde bei einem deutschen Bierwirt gelöscht. Abends wollte meist niemand das Zelt heim tragen, bis Freund Kestler schimpfend es sich auflud. Vor 20 bis 21 Uhr war nicht daran zu denken, einen Platz bei der Ostiabahn zu bekommen, die Menschen standen zu Tausenden vor dem Bahnhof, doch was störte uns das, wir tranken Bier, aßen Würstchen mit Kraut, dazu ein Eis, und das so hintereinander, bis endlich freie Bahn war. An der Station Ostiense warteten viele Straßenbahnen nach allen Stadtteilen, vorbei am Cestius ­ Grabmal in Form einer Pyramide, am Heidenfriedhof für alle Nichtkatholiken (auch Goethes Sohn liegt neben vielen bekannten Deutschen dort begraben) und heimwärts, alles trennte sich. Am Montag dann gab’s meist viel Durst und Sonnenbrand, aber stets gute Laune und sich freuen auf den nächsten Sonntag am Meer. Im Herbst ging es in die Castelli Romani, die Weindörfer im Osten Roms, wie Frascati, Genzano, Albano, Nemi und wie sie alle heißen, stets unter den Einheimischen. Manch­mal hatte Freund Kestler sein Koffergrammophon mit, es wurde auf einem Platz getanzt und dazu gesungen, es war eine unvergesslich schöne Jugendzeit. Im Winter dann Besuche in allen Museen, Palazzi, leider kam ich als junger Kerl unvertraut mit den alten römischen Geschichten, nach und nach lernte ich das, meistens an Ort und Stelle.

 

10. 2. 1982

 

Zwar hatten wir gemeinsam viele Museen, Kirchen, Palazzi usw. besucht, doch mit 23 Jahren hatte ich wenig Ahnung von der Geschichte Roms durch die Jahrtausende, was ich später Lesenderweise nachholte und bedauerte, damals so wenig gewusst zu haben.  

Von Rom aus hatte ich auch meinen größten Sanitärbau zu betreuen. Vor Jahren war ein Schweizer Küchenjunge nach Florenz gekommen, hatte sich empor gearbeitet und besaß damals die drei größten Hotels in Florenz. Eins davon, das “Hotel Italie", ließ er im zeitigen Frühjahr abreißen, im Herbst wurde es neu eingeweiht und eröffnet. Wir bauten die ganze Sanitär-Installation - auf Grund der Bekanntschaft meines Schweizer Chefs mit dem Hotelier ein, es waren über 480 Sanitärapparate bester Qualität, aus der Schweiz bezogen. Der Hotelier verlangte nur das Beste, was es gab. Einmal schlug ich vor, die Abflussrohre zur Geräuschminderung mit karbonisierten Seidenzöpfen zu umwickeln, es sei aber etwas teuer. Entrüstet sagte er mir ,,ich habe doch das Beste verlangt, wie können Sie, mir daher noch etwas zum Verbessern vorschlagen?". Die Hotelzimmer waren 4 m hoch, die Bäder nur 2,5 m; in den Zwischendecken wurden alle Leitungen verlegt. Jeder Strang für sich absperrbar, dann nochmals jedes Bad und zum Schluss hatte jeder Apparat Regulierhähne. Die Bäder wurden um Lichtschächte gebaut, in denen alle Leitungen hochführen. Auf dem Dach Zementbassins mit vielen tausend Litern Wasser für Warm- und Kaltwasser. Von dort oben hatte man einen herrlichen Rundblick über Florenz, über den Fluss Arno, die Stadt mit all den Palästen und Kirchen, bis nach den Bergen ringsum. Wir hatten bis zu 20 Monteure und genauso viele Helfer, Maurer usw., um in der kurzen Zeit alles Fertigzustellen. Jeden Freitag musste ich nach Florenz mit den Löhnen fahren, Baubesprechungen usw. Abends fand dann meistens ein Treffen in einer der alten Kneipen statt, der Ehrgeiz der Monteure ging dahin, den Ingenieur mal richtig einzuseifen. Einmal gelang es ihnen, ich fand mich am nächsten Tag in meinem Hotelzimmer, was ihnen zum Glück bekannt war, mit einem Riesenbrummschädel wieder. Doch dann mimte ich nur noch, sie freuten sich, dass es ihnen wieder gelungen war, und ich freute mich am nächsten Tag, wenn sie etwas leicht verstimmt waren. Damals hatten drei der Monteure je ein deutsches Motorrad, Marke NSU - 500 ccm, mit allen Schikanen gekauft. Sie fuhren mich damit durch die Gärten um Florenz. Ich sagte dummerweise, so etwas möchte ich auch haben. Als nun der Hotelbau in Florenz zu Ende ging, verschwanden die Monteure nach und nach. Die Heizung hatte eine Florenzer Firma gebaut, mit drei großen langen Röhrenkesseln für Heizung und Warmwasser, Eines Nachts platzte einer der Kessel und die Kellerbar, wunderschön mit Edelhölzern und Seidentapeten ausgerüstet, stand 1 m hoch unter Wasser. Zum Glück nicht unsere Sache!  

Bei Baubeginn gab mir Herr Geiger, gem. unserer Geschäftsbedingungen (1/3 bei Baubestellung, 1/3, bei Eintreffen der Hauptmaterialien und das letzte Drittel bei Übergabe) einen Barscheck über 200 000 Lire, den ich montags zur Bank schaffen sollte. Ich steckte ihn in meine Hosentasche und sicherte sie durch etliche Sicherheitsnadeln, um den Scheck nicht zu verlieren. Es waren ja immerhin 47. 500 Markt!  

In Rom tauchten eines Tages drei unserer Florenzer Monteure auf, darunter ein Schweizer, der zurück wollte - ohne Motorrad. Ich hätte doch gesagt, ich wolle auch so ein Vehikel, er brächte es und verlangte 3000 Lire (715 M), die ich aber nicht hatte. Dumm wie ich war, auch etwas interessiert an so einem Ding, nahm ich Geld von mir, dazu einen Vorschuss aus der Betriebskasse, stellte eine Quittung aus, dass ich abzahlen wollte, als Wertgegenstand das Motorrad und meine Gehälter, und es ging glatt, ohne dass mein Chef etwas merkte. Leider hatte ich ja keine Ahnung, wie man fahren muss. Ich meldete mich zu einem Autofahrerlehrgang an und ging treu und brav ein paar Wochen, obwohl ich von den technischen Ausdrücken das Wenigste verstand. Die mündliche Prüfung ging soweit glatt, ich stellte mich unverständlich, bis sie mir so alles sagten. Dann die Fahrprüfung. Ich hatte erst zweimal auf dem Motorrad gesessen, mir war etwas bange vor dem bald 3 Ztr. schweren Rad. Beim dritten Mal machte ich die Probefahrt, leider bekam ich den vierten Gang nicht herein, fuhr also mit dem dritten Gang. Und so bestand ich auch diese Prüfung. Nach einiger Zeit hatte ich alles gelernt und fuhr ins Abenteuer mit meinen Freunden. Die herrliche Umgebung lud dazu ja auch ein. Heimzu durch Rom war es immer etwas schwierig. Ich tankte daher meist kurz vor Rom in einer Osteria 1/4 l Wein, dann ging es famos über all die holprigen hervor­stehenden Straßenbahnschienen und Straßen bergauf und bergab (Rom ist ja eine Vielhügelstadt). Auch manche Geschäftsfahrt machte ich per Motorrad, einmal nach Perugia, um mit einem Monteur einen Baubeginn zu besprechen; dann nach Florenz - Pisa dort hatte ich eine Panne. Viele Mechaniker versuchten ihr Glück, bis ein alter Mann, der zugesehen hatte, sagte:  “Laßt mich mal ran!" Und mit wenigen Griffen hatte er das Spiel des Kolbens verstellt, und ich konnte heimwärts fahren.  

Von Pisa bis Rom fährt man auf einer alten Römerstraße, Jahrtausende alt; die Platten mal etwas hoch, dann wieder etwas tiefer. Nur am Rand war ein schmaler Sandstreifen, auf dem man fahren konnte, Dazu Hochsommerhitze in dem dicken Lederzeugs, Lederjacke, Lederhose, Lederstiefel, Ledermütze, dazu Lederhandschuhe, und das stundenlang in der hochsommerlichen Hitze! Dazu drei Schlauchpannen durch Maultiernägel. Mit dem letzten Klebzeug und dem letzten Tropfen Benzin landete ich in der Nacht in Rom. Es gab so manche Abenteuer mit meinen Freunden. Freund Raith hatte sich einmal durch einen Sturz auf frisch geschotterter Straße den Ellenbogenknochen angebrochen, ich selbst fiel auf die Nase, hatte keine Haut mehr an den Händen, und die Brille hatte lauter gerillte Streifen, zum Glück war sie nicht zersplittert. Mit den nackten Händen fuhr ich noch bis Rom, mein Freund mit der Bahn (er fuhr nicht mehr mit mir!).  

Die Touren zu Kundenbesuchen machte ich jedoch mehr mit der Bahn. Leider hatte ich einen bösen Unfall — der dritte Sturz. Wir montierten in den Gastelli, den römischen Weinbergen, ein Hotel, beim Transport der Sanitärapparate fuhr ich aus Unsinn mit dem Motorrad mit, der Buchhalter damals mit dem Lkw. Heimzu kam ein Gewitter; wir stellten uns in einer kleinen Gaststätte unter und tranken wahrscheinlich zu viel. An Frascati und die Einfahrt konnte ich mich noch erinnern, dann wachte ich einige Tage später in einem Hospital auf. Schädelbasisbruch mit Bluterguss im Gehirn, Nasenbein kaputt, Ohr eingerissen usw. Ich lag in einem Sterbezimmer. Am nächsten Tag beim langsamen Dahindämmern lagen immer neue Sterbende neben mir. 8 Tage lag ich so, ab und zu konnte ich etwas Milch trinken, als mich unser zweiter Pastor besuchte. Ich bat ihn, mich rauszuholen und ins Deutsche Diakonissenheim zu bringen. Er fragte einen Pfleger, der "ja" sagte (ein Arzt hätte mich da noch nicht rausgelassen). So wurde ein Bett frei. Sie zogen mir meine Ledersachen an und ab in ein Taxi, wobei ich bereits wieder ohnmächtig wurde. Sie holten Wäsche aus meinem Zimmer, und ich weiß nicht, wie sie mich ins Diakonissenheim geschafft haben. Jedenfalls weckte ich am nächsten Tag auf, verspürte bald gewaltigen Hunger, und in wenigen Tagen meldete ich mich beim Chef, um mich in Deutschland wieder herstellen zu lassen. (Vom ,Saufen‘ hatten wir nichts gesagt). Heimgekommen, feierte ich mit meinen Bekannten noch eine Abschiedsnacht, dann wurde am nächsten Tag gepackt, abends Verabschiedung auf dem Bahnhof, dann am nächsten Tag abends in München, dem Schaffner ein Trinkgeld gegeben, da mit er mich allein in meinem 2. Klasse-Abteil ließ. Am nächsten Tag weckte ich beim fahren über die Dresdner Brücke auf. Weiter dann nach Löbau, wo ich meiner Mutter erst nichts sagte von meinem Unfall; sie gingen zu Krug-Lehmann zur Hauskirmes und ich mit. Am nächsten Tag sagte ich endlich, weshalb ich kam. Meine Mutter fuhr mit mir nach Görlitz ins katholische Krankenhaus, um die Nase usw. nachsehen zu lassen. Beim Kopfröntgen stellte man erst fest, dass der Schädel rechts von oben bis unten gesprungen war. Sie ließen mich nicht mehr zurück, es wäre zu gefährlich. Wohlweislich hatte ich nichts gesagt von meiner langen Fahrt von Rom bis Görlitz. Die Nase wurde operiert leider sehr schlecht. Die Kopfschmerzen vergingen nach und nach, nur hatte ich ein Jahr lang rechtsseitige Gesichtslähmung, was beim Lachen und Sprechen nicht sehr schön aussah. Ein Jahr lang musste ich elektrisieren, bis sich neue Nerven und Muskeln von Kopf und Hals bis zum Gesicht bildeten. Mein rechtes Auge zwinkert noch heute zu langsam, bei starker Kälte und bei Wind sehe ich dann nichts mehr (war später in Russland sehr hinderlich beim Wache gehen).  

Mein Chef wollte schon immer näher an die Schweiz und schlug Mailand vor, während ich meinte, in Rom hätten wir weniger Konkurrenz wie in Mailand, wo viele schweizer und deutsche Firmen arbeiteten. Jedenfalls bekam ich ein Telegramm nach Löbau: neuer Arbeitsplatz Mailand, Vis "fata bene Fratelli!“ Sie hatten mein ganzes Zeugs (einschl. Motorrad) mitgenommen, ich fand es in einem Zimmer wieder in der Wohnung, wo auch unser neuer Buchhalter wohnte. Das neue Büro war etwas kleiner  wie das alte, aber zentralgeheizt, was in dem kalten Winter 1928/29 sehr angenehm war, damals in Italien -10° bis - 12°C Kälte. Gegessen wurde in einer kleinen Gaststätte, wo ich später eine Menge Deutsche und Schweizer kennen lernte.  

Nach und nach kamen neue Kundenbesuche, teils alte Bekannte meines Chefs, teils neue durch Werbung. In Rimini, direkt am Strand, stand ein großes Hotel. Alle Dienste wurden nur durch Familienangehörige einer italienischen Großfamilie versehen. Ein alter Herr leitete das Ganze, man saß mit allen zusammen, am Tischende der alte Herr und nach unten zu die immer jüngeren Mitglieder, ich als Ehrengast als ,,ingeniere tedesco“ neben dem Herrn, Wir installierten alle Zimmer neu mit Bädern und fließendem Wasser in den Zimmern, mit neuer Warmwasserbereitung - ein schönes Projekt. Ich konnte öfters nach dort. Dazu kam eine Anfrage aus Abbazzia, aus der leider nicht Positives wurde. Es gab da eine herrliche Fahrt nach Rimini, dann per Schiff nach Abbazzia (nicht mal seekrank wurde ich, die Fahrt dauerte immerhin eine ganze Nacht).

 

18. 2. 1982  

Über Venedig ging es zum Gardasee, mit einem Schiff einige Stationen weit, dann zurück nach Mailand. Bei Montagebeginn kam der Monteur nicht, ebenfalls fehlten noch Werkzeuge und Material. Bei einem Telefonat mit meinem Chef bekam ich die Weisung, inzwischen nach Neapel in ein Hotel zu fahren, welches die Fa. Geiger & Muri vor 1914 installiert hatte. Es lag an einem Hang mit drei oder vier Kellern begann erst das Erdgeschoss, die Lage wunderschön mit Blick über den ganzen Golf. Leider wurde nichts aus dem Angebot, doch hatte inzwischen ein Kunde, Rechtsanwalt oder so etwas ähnliches, den Besuch eines Ingenieurs - gewünscht. Ich fand ihn nach einigem Suchen kreuz und quer durch die engen Gassen hoch oben auf dem Vomero. Ich konnte bei ihm übernachten und er erzählte mir, dass er auf der Insel Ischia, dem Gegenstück von Capri, ein Grundstück besäße, das sich gut zur Anlage eines Kurbades eigne. Am nächsten Morgen fuhren wir an den kochenden Schlammfeldern vorbei zu einem kleinen Hafen, bestiegen ein kleines Motorschiff bei etwas rauer See. In Lacco Amendo, einem Strand ohne Hafen, booteten wir aus, Es war zwar etwas kritisch, einmal war das Schiff hoch, zum anderen das Ruderboot. Man musste den richtigen Moment abpassen, um nicht ins Wasser zu fallen. Auf halber Höhe lag ein kleines Sommerhaus inmitten einer wuchernden Mimosen- und Rosenwildnis. Dann zum Grundstück selbst. In Strandnähe lagen einige Gebäude, zur Not noch benutzbare Baderräume, versorgt von drei aus dem bis zum Jahr 800 n. Chr. noch tätigem Vulkan kommenden Quellen. Es waren in den Berg hinein drei gemauerte Schächte, mit drei stark radiumhaltigen Wässern, jedes mit anderem Mineral, Temperaturen und stärker radiumhaltig. Die Französin Mme. Curie hatte das Wasser untersucht und festgestellt, dass es die stärksten radiumhaltigen Quellen von Europa waren. Ich entwarf eine kleine Skizze um meinem Chef eine Unterlage zu geben. Leider wurde nichts daraus, da der Besitzer zwar das Grundstück zur Verfügung stellen wollte, aber den ganzen Umbau usw. sollte unsere Firma finanzieren, was der deutschen Hälfte unserer Firma zu riskant erschien. Niemand wusste, wer einst diese drei Kanäle in den Berg gebohrt und mit uraltem Mauerwerk ausgebaut hatte, es muss vor der Römerzeit gewesen sein. Der italienische Staat hatte dem Besitzer 1 Million - damals viel Geld - für das Recht auf Ausgrabungen angeboten. Bei etwas tieferem Graben fand man schnell einen Einer voll von Schabern und ähnlichen alten Geräten zur Körperpflege, Mich interessierte das alles sehr, leider wurde nichts daraus. Mir hatte es jedenfalls eine sehr schöne Fahrt nach Ischia beschert, ein kleiner Spaziergang am Strand entlang mit meinem Gastgeber gab Gelegenheit so manches zu erfahren. Er teilte mir, dass die Inselbewohner bei Beschwerden zu ihm kämen und sich eine Flasche von dem Quellwasser holten, damit ihre Leiden kurierten. In Deutschland hatten wir ja etwas ähnliches in Oberschlema, bis das Uran von den Russen abgebaut wurde.  

Neapel selbst bezauberte mich auch, besonders abends oder in der Nacht. Auf den breiten Treppen zum Vomero saßen abends abschnittsweise junge Burschen und Mädchen und sangen sich zu, dazu zufälligerweise Mondschein, im Hintergrund ab und zu die feurig beleuchtete Rauchwolke des Vesuvs, davor der glänzende Wasserspiegel des Golfs. Es sind unvergessliche Eindrücke!  

Von Neapel zurück nach Rimini besuchte ich am Freitag Abend unsere Kneipe beim Biaggio, Leider war die Kneiprunde kurz zuvor aufgebrochen, was ich sehr bedauerte. Neue Gesichter seien aufgetaucht; etliche von früher noch vorhanden, erzählte mir Signore Biaggio Negre. So zog ich zum Bahnhof in ein kleines Hotel und am anderen Morgen weiter zurück nach Rimini.  

In Mailand war im Büro ein Deutscher neu eingestellt, es war ein etwas leicht komischer Typ. Ich hatte das Empfinden, dass er gern meine Stelle einnehmen wollte, was ihm jedoch nicht gelang, da er unserer Tätigkeit fremd gegenüberstand. Zwei größere Bauten waren in Arbeit. Einmal ein Nebengebäude des Palace-Hotel in San Remo, die Villa Zirio, in welcher Kaiser Friedrich III. (er regierte nur 88 Tage nach Kaiser Friedrich I. und starb an Tbc) gewohnt hatte. Sie wurde in Appartements für reiche Amerikaner umgebaut, die einmal in einer Kaiservilla wohnen wollten. Es war im Frühsommer, also tote Saison. Bei meinen Baubesuchen bekam ich meist ein Erdgeschosszimmer mit großer Veranda nach dem Garten voller Palmen und blühenden Frühlingsblumen, unvergesslich am Morgen aus dem Zimmer da hinauszutreten in die duftende Morgenluft. Nebenher gab es noch Kundenbesuche in anderen Hotels in San Remo, aus denen nichts wurde.

Am Montag früh gegen 4 oder 5 Uhr fuhr ich ab bis vor Genua San Pietrorema, dort wurde der Zug umgesetzt, bekam neue Wagen Rom - Paris, und dann immer am Meer entlang nach San Remo. Die Bahn fuhr so nahe am Meer, dass man bei stürmischer See die Fenster schließen musste, da die Brandung bis zu den Wagen spritzte. Unzählige Tunnel waren zu passieren, die bekannten Badeorte lagen wie Perlen aufgereiht an der Bahnstrecke. Zuerst war es begeisternd schön, doch dann kam die Gewöhnung. Am Dienstag ging es dann zurück nach Mailand.  

Zur gleichen Zeit hatte ein reicher Hamburger Rechtsanwalt die zwei Inseln von Brissago im Lage Maggiore gekauft und baute sich darauf einen tollen Palast. Wir hatten die ganze Installation zu machen, die zwei Badezimmer der Herrschaften mit doppelt versilberten Armaturen, jede Schraube war versilbert und jeder Apparateteil, was nicht mal schön aussah, eher wie Bleiglanz. Es waren dann noch einige Gästen- und Bedienstetenbäder, Klosetts und Küchenapparate, immerhin ein Objekt von über 90 000 Schweizer Franken, damals ungefähr 80 000 Mark. Der Käufer war ein Rechtsanwalt, der sein Geld geschickt durch die Inflation gerettet hatte. Er kam von Hamburg mit zwei Autos und vier Fahrern; falls das vordere Auto einen Defekt hatte, stieg er um. Von Hamburg wurde bis zur Grenze durchgefahren, dann dort kurzer Halt und weiter bis Ronco, kurz vor Briasage. Die Straßen winden sieh dort zwischen Berg und See, und wer da bauen will, muss die Straße in den Berg hinein verlegen, was er auch tat und bezahlte. Am Ufer waren 5 bis 6 Garagen, darüber nochmals eine ganze Flucht Gästezimmer, falls er bei zu starkem Seegang nachts nicht zur Insel fahren konnte. Von den Autos wurde das Gepäck mit Kran direkt unter den Garagen liegenden Bootshafen verladen, Es gab mehrere Boote, darunter eins für den Trausport von Heizöl, dann für das Personal. Die kleine Insel beherbergte das Gärtnerwohnhaus, mit einem kleinen Boot musste der Gärtner zur Insel fahren. Im Palast war ein Zimmer mit aus Venedig gekauften und dort vorsichtig zerlegten Möbeln neu eingebaut, wozu jedes Schraubenloch genau gebohrt wurde, Die Heizung sowie Be- und Entlüftung baute die bekannte Firma Gebr. Sulzer, Winterthur. Zur Entlüftungsprobe wurde in einem Wohnzimmer ein Steinsockel errichtet, darauf Reisig verbrannt, den Rauch musste die Lüftung wegsaugen.  

Etwas seitab der Wohngebäude lag ein ummauertes Freibad mit Auskleideräumen, Duschen und Klosetts. Ähnliche Stufenbäder hatten wir in Italien gebaut, nur war dieses viel größer. Die Frau des Besitzers war die erste deutsche Rennfahrerin, Gräfin Einsiedel, sie hatte sich scheiden lassen; er hoffte aber noch immer auf ihre Rückkehr, und dazu war das zweite Appartement vorgesehen. Inzwischen hatte er jedoch zur Zerstreuung stets einige bildhübsche Italienerinnen. Wenn er mit ihnen FKK badete, waren meist einige Bauleute zufällig auf einem Baum oder dem Hausdach. Um einige alte Bäume an der Inselsüdseite zu retten, die durch Wellenschlag unterspült waren, ließ er eine neue Mauer für 30 000 Franken bauen, Geld spielte keine Rolle. Jetzt ist die Insel Schweizer Nationalmuseum.  

Doch mein Chef ließ sich nicht mehr aufhalten und löste die Mailänder Firma auf, um in Luzern neu anzufangen. Das in Florenz lagernde Werkzeug war auf sein Geheiß dort liegen gebliebe, wie es sich erst jetzt herausstellte offen in einem Durchgang einer Lieferfirma. Die dortigen italienischen  Monteure hatten wahrscheinlich die Gelegenheit benutzt, das gute Werkzeug gegen Alteisen auszutauschen; jedenfalls stellte sich bei der Ankunft in Luzern heraus, dass alles teuer als Werkzeug verzollt wurde und doch ohne Wert war. Ich hatte seinerzeit darauf gedrängt, das wertvolle Werkzeug nach Mailand zurückzuholen, Herr Geiger war jedoch dagegen gewesen. In Luzern stellte er einen der früheren Ingenieure, einen Herrn Ott, neu ein, da ich zurück nach Deutschland wollte. Ich hatte mir eine Stellung in Düsseldorf gesucht. Vorher hatte ich mit den Mitinhabern der Fa. Salos s. a. einige unangenehme Minuten, da sie mich für den Verbleib der Werkzeuge in Florenz verantwortlich machen wollten. Mir tat Herr Geiger leid; da ich aber wegging, nahm ich die Schuld auf mich, worauf mir die Herren drohten, sie wollten das meiner neuen Firma melden, was sie aber nicht taten. Mein Motorrad, die NSU 500 ccm mit allem Zubehör, hatte ich noch billig in Mailand verkauft, andernfalls eine erneute Verzollung nötig wurde.

25. 2. 1982

In Düsseldorf suchte ich mir ein Zimmer (es war ein ehemaliges Kloster) und begann in einer Sanitärfima Ballauf die Arbeit als projektierender Ingenieur für Hotel- und Krankenhausbauten. Leider kam ich mit meinen beiden neuen Chefs nicht zurecht. Früh um 7 Uhr stand ich an der Bürotür, dann kamen nach den Scheuerfrauen die ersten Lehrlinge und so nach und nach meine Kollegen. Dafür machte ich abends 18 Uhr Feierabend, während meine beiden Chefs meist erst nach 18 Uhr durch die Büros gingen. Dies missfiel ihnen, und nach Ablauf der Probezeit von zwei Monaten bekam ich die Kündigung. Da ergab sich anlässlich eines Abschiedsgesprächs, dass ich meinem Herzen Luft machte und ihnen die ihnen unbekannten Arbeitszeiten in ihrem Büro schilderte, da sie mir vorwarfen, ich wäre ein zu pünktlicher Mitarbeiter. Wir kamen noch in ein sehr nettes Gespräch und sie boten mir an, es nochmals weiter bei ihnen zu versuchen. Da ich aber nur ein kleines Rädchen war und nie hörte, was aus den Projekten wurde. Ich hatte keine Verbindung mit der Ausführung, saß immer nur im Büros. Ich verabschiedete mich, obwohl meine Kollegen 1929 mich vor der kommenden Arbeitslosigkeit warnten, wogegen ich ihnen versprach, in kurzer Zeit eine Karte aus irgend einem Ort im Ausland zu senden, was ich wenige Monate aus der Schweiz auch tat.

 

Nach kurzem Aufenthalt in Löbau bei Muttern inserierte ich in der Neuen Zurücher Zeitung und bekam auch bald zwei Angebote, eins aus Vevey am Genfer See, was ich zum Glück nicht annahm - es sollte ein Vertreterposten für SIAM-Feuerung sein. Ein zweites Angebot kam von einem Herrn Ernst Biefer aus Amriswil, ca. 7 vom Bodensee entfernte. Die Firma in Vevey hätte mich sehr gereizt, um mein Französisch zu vervollkommnen, Da ich in Mailand nach meinem Unfall ein Jahr lang 1 bis 2 Stunden/Tag Kopf und Hals elektrisieren musste hatte ich nach Schliemann-Methode mein Schulfranzösisch aufgefrischt. Der Sperling in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach! Ich nahm die Stelle bei Herrn Biefer an und hatte es nicht zu bereuen.

Nach umständlicher Fahrt über München, dann nach Lindau um den See über St. Margareten bis Amriswil, eine Fahrt von fast zwei Tagen (statt 1 direkt bis Lindau und per Schiff bis Romanshorn), kam ich abends in Amriswil an, übernachtete im Bahnhofshotel und suchte am nächsten Tag die Firma Biefer auf. Mit Herrn Biefer kam ich in ein angenehmes Gespräch, er hatte vom Vater eine Schlosserei übernommen und baute sie aus, hatte einige Kesselanlagen und kleinere Heizungen ausgeführt und brauchte Hilfe dazu. Neben einem Werkmeister, Herrn Hollenstein, gab es noch 10 bis 12 Schlosser, da er damals für die SBB (Schweizer Bundesbahn) Maste für die Elektrifizierung baute, elektrisch geschweißt und später im ganzen verzinkt. Erst war mein Arbeitsplatz im Büro, wo außer ihm noch seine Schwester, ein unverheiratetes älteres Fräulein, arbeitete, später bekam ich anschließend an das große Werkstattgebäude mit umfangreichem Lager ein Extrabüro, gleich neben der Kirche, mit Blick auf den Markt. Zuerst hatte ich einige Bauten meist Sanitär aufzurechnen anhand der Material- und Lohnlisten. Als erstes im Kantonsspital Münsterlingen einen Neubau, dann kamen kleine und größere Heizungsprojekte, im ersten Jahr war es noch nicht so viel, wohl an die 50 000 bis 60 000 Franken, dagegen im zweiten Jahr über 300 000 Franken, da in Zürich viel gebaut wurde neben den Bauten in den Amriswiler Fabriken. Es gab damals in Amriswil mehrere Schweizer-Franken-Millionäre, die sie durch den vergangenen Krieg 1914 - 1918 mit Militärlieferungen verdient. An jedem Krieg verdiente die Schweiz durch ihre Neutralität nach allen Seiten.

Zuerst wohnte ich im Gasthof "Zum Ochsen" am Markt, nahm auch mein Mittagessen dort ein, um später mit einem Bauingenieur, Gust Walter, ein oberes Stockwerk privat bei zwei Ältere, unverheirateten Schwestern zu beziehen. Wir hatten zwei Schlafzimmer, Küche und Wohnzimmer. Da wir den beiden Damen jedoch etwas unsolide erschienen (sie hatten einen Musteruntermieter als Beispiel), mussten wir ausziehen. Ich fand ein nettes Zimmer bei Frau Gähli an der Bahnhofstraße, in dem ich bis zu meinem Wegzug wohnte. Meine Arbeitszeit begann um 8 Uhr und ging - mit einer Stunde Mittag - bis 18 Uhr zum Feierabend. Bald fanden sich zu meinem Bekannten Gust Walter, ein weiterer Bauingenieur und der Sohn aus der größten Tischlerei am Ort. Zu Viert verlebten wir viele netten Stunden, zechten meist im "Ochsen" bis ich denn später zu Mittag in das alkoholfreie Volkshaus umzog, wo man zum Essen nichts trinken musste, es war auch billiger. Mein Verdienst betrug sfrs.4OO.- und später sfrs. 450.-, nicht so viel wie in Italien, denn damals begann ja in Deutschland die große Arbeitslosigkeit, die den Faschismus hervorrief. Mittags trafen wir stets die gleichen, u. a. auch Fräulein Guhl. Sie war Lehrerin; daneben nach zwei bis drei andere Lehrer ab und zu die Schulinspektoren, die "Gigerin"- ein etwas gefürchtetes Fräulein gesetzten Alters, sie war so etwas wie ein Schreckgespenst für die Schulen. Später hatte Frl. Sabine Guhl diesen Posten, war aber bestimmt nicht so gefürchtet. Nach dem Essen wurde ein Kaffee ausgejaßt (Schweizer Kartenspiel mit 4 Spielern), wenn nicht heftige Streitgespräche zwischen Sabine Guhl und mir stattfanden; manchmal versäumten wir den neuen Arbeitsbeginn. Ich reizte sie immer durch meine Dütsche Behauptung, sie ging dann hoch, aber immer im Guten.  

Eines Sonntags bestieg ich aus Lageweile früh den Zug nach Romanshorn (ca. 7 km) und stieg um nach St. Gallen, dort ebenfalls in ein kleines Bähnle nach Appenzell. Angekommen, sah ich eine Straßenbahn nach Wasserauen stehen, stieg ein und war auf einmal am Fuß des Alpsteinberges, mit dem Säntis 2505 m und Altmann, etwas niedriger. Neugierig stieg ich bergan bis zum Seealpsee, setzte mich dort zu einem älteren Ehepaar und trank Kaffee. Ins Gespräch gekommen, stellte es sich heraus, dass der ältere Herr jeden zweiten Sonntag zum Säntis stieg und möglichst - wie an diesem Tag noch zwischenrein seine Frau bis zum Seealpsee mitnahm. Er machte mich neugierig aufs Bergsteigen und wir vereinbarten einen Ausflug für den nächsten Sonnabend/Sonntag. Für die Ausrüstung, Windhosen Wadenwollstrümpfe, Windjacke und ein Paar schwer genagelte Arbeitsschuhe, sowie Spazierstock wurde besorgt. Und präzise pünktlich trafen wir uns in St. Gallen voller Abenteuerlust, war es doch meine erste Bergtour. Leider verschlechterte sich das Wetter, so dass wir nur bis kurz vor den Schäfler kamen und übernachteten. Am anderen Morgen ging es nach kurzem Marsch zurück zum Bahnhof Wasserauen, es hörte nicht auf zu regnen, von den Bergen war nichts zu sehen. Doch bald darauf trafen wir uns erneut, und unser Marsch endete auf dem Säntis. Da er gut mit dem Wetterwart befreundet war, gingen wir zu diesem und seiner Frau, die den ganzen Winter damals allein dort oben in 2500 m Höhe hausten; der Wintersport war noch nicht so allgemein, dass er Besuch bekam. Sein Vorgänger, Herr Haas, war mit seiner Frau vom Neffen ermordet worden, den sie bei sich aufgenommen hatten.  

Und so unternahmen wir viele Touren gemeinsam, mit der Zeit wollte ich jedoch auch die anderen Teile des wunderschönen Alpsteingebirges kennen lernen und ging mit anderen inzwischen bekannt gewordenen Bergfreunden. Fräulein Guhl hatte ich am Mittagstisch gar manchmal ausgespottet. Obwohl sie in St. Gallen das Lehrerseminar besuchte, war sie nie auf die Idee gekommen, mal in die Berge zu gehen, Sie stammte aus Steckborn am Untersee. Endlich konnte ich sie bereden, ist mitzukommen, Dummerweise hatte ich aber gerade die längste Route zum Säntis ausgesucht. Als wir am Sonntagmittag abstiegen, waren wir beide herzlich froh, an Kopfende des Seealpsee einen Ruderer zu treffen, was uns eine halbe Stunde Fußmarsch ersparte um den See. Jedenfalls schimpfte sie am Montag Mittag ganz schön über ihren Muskelkater, doch später ging sie doch noch einige Male mit. In späteren Jahren trat sie in den Schweizer Frauen-Alpenklub ein und legte sogar etliche Prüfungen als Führerin für Bergwanderungen auf Drei- und Viertausender ab.  

In August 1930 bekam ich eine Einladung von meiner Schwester Gerda zur Hochzeit. Sie garantiere mir für eine hübsche Tischdame, einer Kusine ihres Bräutigams. Urlaub gab es damals noch nicht; ich arbeitete 8 Tage heraus und fuhr los, kam am Polterabend früh in Löbau an. Beim Rasieren kam meine Schwester mit dem zukünftigen Schwager und meiner Tischdame an, ein nettes hübsches Mädchen, wie mir schien. Schwager Erich wollte mir zeigen, dass er seine Verwandte küssen könnte, was ich als mein Recht beanspruchte. Es gab ein Hin und Her, jedenfalls haben wir uns nie gesietst, es ging gleich per Du. Bald war es eine rege Bekanntschaft geworden, sie gefiel mir, ich ihr weniger, da sie nach der Bekanntschaft mit meiner Schwester und Mutter etwas mehr Fülle erwartet hatte, war ich doch damals mager wie eh und je. Am Tisch beim Polterabend fragte mich meine Schwester, wovon wir sprachen. Ich erwiderte ihr, wir sprechen gerade darüber dass wir uns 7 Kinder anschaffen, Daraufhin sprach meine Tischdame eine Weile verärgert nicht mehr mit mir, ich jedoch dagegen mit ihr, was wollte sie da machen, Zur Hochzeit am nächsten Tag holte ich sie nicht ab, da ich erst noch zum Friseur musste, wiederum ein schlechter Punkt. Doch zur Hochzeit in Altlöbau bei Schlagehahns hatten wir uns langsam aneinander gewöhnt, obwohl sie mich bei der Kusspolonaise beinahe vom Tisch warf. Küssen war unhygienisch, hatte sie bei einem Besuch im Dresdner Hygienemuseum gehört. Wie man so seine festen Überzeugungen in wenigen Tagen - oder waren es Stunden? - ändern kann !  

Gegen 24 Uhr verschwand ich einmal um daheim Schuhe und Strümpfe zu wechseln ob der vielen Tanzerei. Gegen Morgen bat ich das Trio Gröbler doch auf zuhören mit der Musik ich wäre redlich müde, doch meine Dame nicht.  

Am nächsten Tag war Hochzeitskaterbummel nach Ebersdorf, da gelang es mir, meine holde Tischdame zu einem Spaziergang über den Löbauer Berg zu überreden, was dann in den Folgetagen bis zu meiner Abreise unser ständiger Ausflug wurde. Am dritten Tage hatte ich ihr gesagt, wir würden heiraten. Sie sagte jedoch, das wüsste sie nicht, doch was sollte sie machen, sie war dem Zauber meiner mageren Natur verfallen,  

Ende Juli musste ich abreisen, in Lindau schrieb ich ihr schon die erste Karte die ihr ihr Vater mit spitzen Fingern überreichte, da stünde drauf ,Dein Kurt‘, worauf Muttchen Farak ihn aufklärte und mitteilte, es würde wohl was draus werden, Zwar hatte meine Hilde erklärt, sie würde nicht heiraten, worauf sie die 2 Jahre Kindergärtnerin - Seminar besuchte, um eine würdige Matrone zu werden, die sich mit anderer Leuten Kinder ärgerte, statt über die eigenen Bälger.  

Nun war meine Feierabendtätigkeit gesichert alle 2 bis 3 Tage ging ein Brief erst nach Leipzig, dann nach Zwickau und später zum oberen Waldteich, wo sie zwei Sommer lang in einem Ferienkinderlager der Arbeiter Wohlfahrt verbrachte.  

Im Frühjahr - Ostern 1932 besuchte sie mich in Amriswil. Mit Spannung holte ich sie in Romanshorn vom Fährschiff ab. Sie stand ganz vorn und war wohl doch etwas schüchtern ob ihres Mutes. Im Gasthof "Zum Ochsen" in Amriswil brachte ich sie unter, sie hatte allerdings stets zu warten, bis ich mehr oder weniger zeitig Feierabend machte. Mittags speisten wir im Ochsen.

Es gab ja so viel zu erzählen nach der langen Trennung und mündlich ist doch alles leichter zu erklären. Nach einer Woche  musste sie wieder nach Hause, doch vorher hatten wir noch eine wunderschöne Fahrt nach Schaffhausen unternommen. und kamen gegen Abend an. Nach der Quartiersuche steigen wir hinauf zum Muonot oberhalb der Stadt. Abendfrieden über den Dächern, die Schornsteine rauchten zum Abendessen, die Schwalben und Mauersegler schwirrten umher - unvergesslich!  

Am nächsten Tag zum Rheinfall, mit einem Ruderboot bis zum wasserumstäubten Felsen inmitten des Falles, rechts und links stürzen die Wassermassen des jungen Rheins herab. Dann weiter spaziert bis zu einer Fischzuchtanstalt, in flachen Kästen werden die jungen Forellen herangezogen, ein netten Mann erklärte uns alles. Ich beeilte mich am Abend, noch eine Karte an meinen Chef zu schreiben, es sei zu schön, ich bliebe noch einen Tag. Am Montag früh fuhr dann Hilde über Stuttgart zurück und ich nach Amriswil, erst im Herbst machte ich einen wenige Tage währenden Besuch in Zwickau und meldete mich für das Weihnachtsfest an.  

Inzwischen setzte auch in der Schweiz die Arbeitslosigkeit ein. Mein Chef hatte einen weiteren Mitarbeiter eingestellt, einen etwas komischen Mann, er schrieb heimlich alle meine Kolleghefte ab, auch beim Chef alle Lieferfirmen. Aufmerksam geworden, schickte mich Herr Biefer mit dem Werkmeister in sein Zimmer, wo wir eine Art Haussuchung machen mussten, Dabei fand ich die Abschrift meiner Kolleghefte, was ihm sicher nicht viel genutzt hat, neben anderem. Aus Zorn meldete er beim Kantonalsamt, ich würde als billiger Ausländer für das halbe Geld arbeiten wie ein Schweizer. Damals gab es entweder einen Heizungs- oder einen Sanitärfachmann, ich machte aber beides. Daraufhin entzog man mir die Arbeitsgenehmigung. Auf Aufforderung meines Chefs mietete ich mir in Konstanz ein Zimmer in der Rosgartenstraße und arbeitete so weiter, indem ich über Kreuzungen ins Schweizer Gebiet fuhr. Leider aber hatten doch die Ordnungshüter meine vielen Besuche registriert, daher kündigte mir Herr Biefer, und ich musste heimwärts fahren. In Konstanz hatte mich meine Verlobte auch noch besucht - wunderschöne Ausflüge nach Meersburg, die Insel Mainau, Lindau hatten uns herrliche Tage beschert. 

Mit Sack und Pack einschließlich eines geschenkten Fahrrades wanderte ich heimwärts, allerdings verbrachte ich erst noch ein 1/4 Jahr in Zwickau. Meine guten Schwiegereltern boten es mir an, war es doch die Zeit der größten Arbeitslosigkeit. 

Daheim fand ich mich bald zurecht (1934), meine Schwester und mein Schwager hatten ein kleines Häuschen in Ottenhain verkauft, dazu gab es Baukostenzuschuss zur Behebung der Arbeitslosigkeit. Wir besuchten nun gemeinsam zu dritt allerlei Bauten. Dabei sagte mein Schwager Erich Haidig beim Betrachten einer Heizung "so was könntest Du doch auch machen".

1932 bei einem Besuch in Zittau bei den Eltern meines Stief­vaters Willy Milke erzählte der Großvater Milke - er war Wassermeister der Stadt Zittau und wohnte im Wasserturm beim Bahnhof - ein Klempner hatte aufgehört, man könne sein Werkzeug kaufen. Ich sah es mir an, sie wollten 600 M ich bot 300 M und bekam es. Schwager und Schwester wohnten in der Seminarstraße bei Krause. Dieser stellte mir einen Raum als Werkstatt zur Verfügung, das Werkzeug kam und wurde eingeräumt. Nun hieß es Arbeit suchen. Nach 1933 wurden Mittel zum Bauen freigemacht; bei einem Vortrag von Baumeister Schubert im Wettiner Hof lernte ich einen ehemaligen Lehrling von Kupferschmied Posselt kennen, er war arbeitslos. Ich bot ihm an, bei mir zu arbeiten, wenn ich etwas hätte. Durch Bekannte hörte ich, dass Lehrer Rönsch ein Haus bauen wollte. Bei einem Besuch legte ich ihm meine Zeugnisse und Fotos aus meiner bisherigen Tätigkeit vor; jedenfalls war mein Eindruck doch so, dass er mir die Heizung und Sanitärinstallation in seinem Neubau anbot, der erste Bau seit 1930 in Löbau.

 

Vorher hatte ich bei den Kessel- und Heizkörperfirmen um Prospekte und Preise gebeten, sie lehnten aber ab, da Posselt ja von ihnen beliefert wurde. Nur eine Firma Buderus gab mir alles Verlangte. Der Vertreter, Herr Berthold, hatte in Dresden eine neue Filiale aufgemacht und suchte seinerseits Kunden, Dadurch bezog ich alles von ihm, zumal er mit gute Zahlungsbedingungen bot, 3 % Skonto bei Vorauszahlung oder 2 % bei sofortiger Zahlung, was ich dank eigener Ersparnisse und einem Darlehen von 3000 M vom Schwiegervater machen konnte. Neben Lehrer Rönsch baute Straßenmeister Krebs ein gleiches Haus und im Vertrauen, dass Lehrer Rönsch sich schon die besten Lieferanten ausgesucht hätte, bekam ich dort auch die Heizung. Ein Klempner Willy Kießling versuchte mich bei der Stadt bloßzustellen, da ich die Abflussleitungen bei Rönsch in Eisenrohr angefertigt hatte, wie ich das von der Schweiz her kannte. Es gelang ihm aber nicht, da mir der Stadtbaudirektor Schmidt half (er hatte sich mal für meine Mutter interessiert). So kam ich langsam ins Geschäft, Kaufmann Lischka behielt allerdings 10 % ein, damit ich bei ihm Waren einkaufte oder kleine Reparaturarbeiten durchführte.

Inzwischen waren die Nazis ans Ruder gekommen, sie bauten die ehemalige Pianofortefabrik von Crasselt & Rähse zu einem Parteihaus um. Außer Posselt und mir waren noch je eine Firma aus Bautzen und Görlitz zur Projektabgabe aufgefordert worden. Posselt war der teuerste (der Sohn war Ortsgruppen­gründermitglied der Nazis); er hoffte dank seiner Parteizugehörigkeit den Auftrag zu bekommen, doch war das Stadtbauamt noch nicht genügend gleichgeschaltet, wie man damals sagte, und so wurde ich gefragt, ob ich zu dem Preis des billigsten (Görlitzer) den Auftrag übernehmen wollte, was ich auch tat. Da später weitere Ausbauarbeiten dazukamen, die ohne Konkurrenz vergeben wurden, kam ich trotzdem noch ­zu einem, wenn auch bescheidenen Gewinn. Die Ausführung hatte ich an Altus, dem ehemaligen Lehrling und einem seiner Be- kannten aus Bautzen im Akkord vergeben. Der Baumeister verschloss abends die Tür, damit niemand länger arbeitete, da er es bei meinen Leuten gemerkt hatte. Doch diese hatten ein Kellerfenster offen gelassen und stiegen dann später heimlich ein, um weiter zu arbeiten.

Allerdings hatte sich der junge Posselt nun gewaltig gerührt. Die nächsten Jahre bekam ich keine städtischen Arbeiten mehr u. a. auch nicht das Gewandhaus und das Schwesternhaus beim Krankenhaus (beide Bauten habe ich dann später verbessern müssen. Posselt hatte zu knapp gerechnet). Dafür kamen nun von den umliegenden Rittergütern Arbeiten, u. a. vom Freiherrn von Lüddgenhaus in Gießen u. a. Die ehemalige Schuhfabrik von Nedon hatte Konkurs angemeldet und wurde von der Stadt übernommen. Aus der Lagergebäude an der Straße wurde ein Wohnhaus mit 8 Wohnungen gemacht und ich sollte das Sanitär ausführen. Auf meine Frage, ob man da eine Wohnung bekommen könnte, wurde mir die Ecke im 2. Stock zugewiesen. Mit ca. 80 qm stand mir eine Freifläche zur Verfügung, die ich nach meinen Iden einrichten konnte. Selbstverständ1ich baute ich erst auf eigene Kosten ein Bad ein und Etagenheizung mit Kessel im Bad. Die Wohnung bestand aus meinem Büro, einem großen Wohnzimmer über Eck, dann einem Schlafzimmer - ebenfalls über Eck - und. einem Kinderzimmer, dazu eine kleine schmale Küche wegen des Kinderzimmers. Nun hatte ich als Junggeselle eine Wohnung, aber noch keine Frau, Doch dem war abzuhelfen. Am 28. 4. 1934 heirateten wir in Zwickau, nur Muttchen und Vater Farak waren dabei. Nachmittags fuhren wir bereits nach Löbau, und am Sonntag trat ich mein Amt als Ehemann an, indem meine Holde alles Geschirr wusch und ich abtrocknen musste,

 

21.       2. 1985  

Kunden fanden sich nach und nach weitere ein, mit meinen wendigen Monteuren und Helfern kam wir gut ins Geschäft. Durch glückliche Umstände entging ich zwei Konkursen, die nur meinen Konkurrenten trafen, später kamen Arbeiten in der Kaserne dazu, da ja die Wehrmacht aufgebaut wurde. 1936 setzte die Arbeit kurzzeitig aus was uns aber nicht sehr traf, hatten wir doch unseren ersten Sohn zu betreuen. Im ersten Ehejahr machten wir kurzfristig eine heimliche Reise nach Venedig, verbrachten einige Tage in der Lagunenstadt, die ich von früheren Geschäftsreisen her gut kannte, meine Frau jedoch nicht. Hinzu übernachteten wir in München, am nächsten Tag weiter bis Verona mit 2 Std. Aufenthalt, den wir benutz­ten um auf dem Bahnsteig hin-, und herzuwandern, wir hatten ja noch kein italienisches Geld durch die Devisensperre. Endlich weiter, nachts um 12 Uhr trafen wir auf dem Bahnhof ein. Ein freundlicher Italiener besorgte uns in Bahnhofsnähe ein kleines sauberes Quartier, ich konnte es mir trotz der späten Stunde nicht versagen, eine Portion Spaghetti zu bestellen. An nächsten Morgen bestiegen wir eine der malerischen Gondeln bis zum Markusplatz, um dort unseren Reisescheck einzulösen. Es gab bereits den ersten Krach mit dem Gondoliere, der uns für dumme Ausländer hielt und große Umwege auf den Kanale Grande fahren wollte. Den ersten Tag hatte meine liebe Frau keine Zeit zu einer Unterhaltung, sie wollte sich nur umsehen. Im Gasthaus bat ich den Kellner, mit ein paar Rosen zu besorgen, da an nächsten Tag unser erster Hochzeitstag war. Heimgekommen, fanden wir einen großen Korb mit 25 der herrlichsten Rosen vor, so stark dufteten, dass wir sie über Nacht in den Flur stellen mussten, Die nächsten Tage ging es kreuz und quer durch die Stadt, Fahrten mit Schiff, Wanderungen in die nähere Umgebung zu Schiff, gemütliche Mittagessen auf italienische Art. - man vergisst doch nicht so schnell die Sprache und Gewohnheiten. Bei Spaziergängen auf dem Lido bekamen wir eine solche Bräune, dass unsere Leute daheim nach der Rückkehr erstaunt fragten, wo wir denn so braun geworden wären, es hätte doch die ganze Zeit geregnet. Wir erzählten verlegen etwas von Sonne auf dem Fichtelberg, da wir ja nicht sagen konnten, dass wir unsere ersten Verdienst so leichtsinnig ausgegeben hatten. Schwager Erich hatte ich ersten Jahr meine Buchführung gemacht und erstaunt festgestellt, dass wir wohl 2000 bis 3000 M brutto verdient hätten (er bekam wohl 150,- M/Monat), daher das Familienschlagwort "Kurt verdient ja, er kann bezahlen!“, wenn wir zusammen fortgingen.

 

 Berichtigung zu Seite 52 vom 21. 2. 1984

 

 Im Herbst 1934 verreisten wir zwei nach der Schweiz. Bei strömendem Regen abgefahren, Ankunft in Rohrschach bei aufklarenden Wetter und weiter bis Wasserauen. Dort Aufstieg zum Schäfler Übernachtung in der Hütte. Am nächsten Tag weiter bis zum Säntis, der Dauergletscher ,,Blauer Schnee“ war fast weggeschmolzen, daher Umweg über markierte Felsen. In der Säntishütte geschlafen im Heu ziemlich teuer, Dann am Morgen Abstieg über die Meglisalp-Seealp-See bis zur Station Wasserauen, dort Frl. Guhl abgeholt.  

Am nächsten Tag wieder Aufstieg zum Säntis, über den Lysengrat zum Altmann, ca. 2000 m und Abstieg zur Fählensee - Hütte am See, Quartier. Am nächsten Tag über den Grat, mit Sonnenbad (Kratalpfirst-Furgglenfirst, Stauberern zur Hütte Hoher Kasten), übernachtet, dann Abstieg nach Weißbad, Heimfahrt über Appenzell - St.- Gallen, Rohrschach — Lindau und heim. Während der Bergtouren herrliches Wetter, bei der Rückfahrt ab Rohrschach Regen.  

Erst 1935 Fahrt nach Venedig wie beschrieben, 1. Hochzeitstag in Venedig verlebt und am Lido, daher die Bräune, die unseren Leuten in Löbau auf fiel,  

Nach Geburt unseres Peters 1936 sind wir 1937 nach Verona, Rom, Venedig und Capri gefahren. 1937 machten wir eine Frühlingsfahrt nach dem Bodensee. Erst Quartier in Lindau, Besichtigung der altertümlichen Stadt, Kahnfahrt am Seeufer entlang nach Bad Schachen, herrliche Frühlingswanderung nach Wasserburg, Dann Weiterfahrt nach Konstanz - Meersburg, Besichtigung der Insel Mainau, Überlingen usw. dann Heimfahrt.  

1938 Geburt unseres Andreas

1939 starb Papp Farak und Muttchen zog nach Löbau in die Siedlung Neusalzaerstraße. Muttchen und Frau Böhme versorgten unsere beiden Jungen, und wir machten die Fahrt wie beschrieben nach Rom, Neapel und Capri.

 

Kriegsausbruch 1. 9. 1939 bis 1945,

 

Nach der Geburt unseres zweiten Sohnes Andreas gaben wir etwas später beide Söhne bei den Schwiegereltern in Zwickau ab und unternahmen im Mai 1939 eine herrliche Reise nach Italien.  Spät nachts ab bis zum Morgen in München, dort gut gefrühstückt in einem tollen Hotel, dann Weiterfahrt über den Brenner, Verona, Florenz nach Rom. Vor Rom feudal im Speisewagen Mittag gegessen, spät abends angekommen, im nächsten Hotel am Bahnhof genächtigt. Bei einem Spaziergang kamen wir an unserem ehemaligen Kirchenchor-Treffpunkt, beim Biaggio Negre vorbei. Bei meiner Erk1ärung und Zeigen der Trattoria stürzte der alte Biaggio heraus, erkannte mich wieder, und nach kurzem Diskurs zogen wir in ein kleines Gasthaus in seiner Nähe um, verbrachten manchmal nach alter Sitte unsere Abendbrotzeit bei ihm. Unser ehemaliges Kneipenbuch mit den Zeichnungen unseres ehemaligen 2. Pfarrers Reimers war noch wohl behütet, auf manchem Bild war ich auch zu sehen.

Rom wurde kreuz und quer durchstreift während der nächsten 8 Tage, doch ist ja diese Zeit viel zu kurz, um nur ein kleines Bild der Ewigen Stadt zu zeigen. Unsere Fahrkarte war bis Neapel gelöst, doch verbrachten wir noch 2 Tage in Neapel selbst, uns zog es nach Capri, mit Missfallen unseres Hotelwirtes, der uns schimpfend ob dem kurzen Aufenthalt — ein kleines Hotel an der Marine Grande (dem Hafen) nannte. Nebenbei eine kleine Episode. In Rom musste ich meiner Frau ein Paar Schuhe kaufen, da sie beim Einpacken zwei linke Schuhe mitnahm. Ich hatte ihr gesagt, dass sie nicht so viele Schuhe mitnehmen müsste, deswegen packte sie 1 Paar wieder aus, leider zwei rechte. In einem guten Laden wurden passende Schuhe gekauft, doch nach Verlassen des Ladens erklärte sie, nicht weiter laufen zu können, die Schuhe seien viel zu eng (trotz Anprobe im Laden ) Daher Kauf eines weiteren Paares! Und, auf Capri, bei einem Bade trat sie in einen Seeigel mit unzähligen Stacheln, die erst im Laufe der nächsten Heimatwochen herauskamen. Also Kauf eines Paares Dachdeckerschuhe mit Hanfsohlen, nachdem die in Capri gekauften entzückenden blauweißen Carpi-Sandalen nicht mehr tragbar waren. Pech!  

Wir wohnten direkt am Meer, nur durch eine Straße vom Strand getrennt. Tag und Nacht war das Rauschen der Wellen hörbar, im Hintergrund nachts der rötliche Schein des Vulkans am Himmel. Vor dem Zimmer eine Veranda, nur durch die offene Tür mit breitem Perlenvorhang getrennt.  

Auf unseren Wanderungen rings um Capri fanden wir eine wunderschöne kleine Kneipe gegenüber den Faraglioni, den einzeln stehenden Felsenkegel im Meer. Der Wirt, ein sehr netter Italiener, besaß mit seiner Frau eine größere Fremdenpension, aber aus Liebhaberei bewirtete er die kleine Gaststätte im Sommer, Das einzige Zimmer war wunderschön mit Malereien aller Art ausgemalt, deutsche Maler hatten gegen Kost die Wände bemalt. Überall auf der Insel fand man die Felsen an schönen Aussichten mit Farben bekleckst durch Maler aller Nationen, die dort malten und sich so ihr Brot verdienten oder bei guten Verhältnissen ihre Ferien verbrachten. Für eine lächerliche Summe bewirtete er uns, sein Geld verdiene er im Sommer an den reichen italienischen Kriegsgewinnlern und sonst im Frühjahr durch Touristen; in der toten Zwischensaison mache es ihm Spaß uns so gut und billig zu bewirten. Ich sprach italienisch mit ihm und er mit meiner Frau deutsch; Er lieh, uns Liegestühle und Badesachen (was leider die Igelstacheln zur Folge hatte). 

Wir konnten um die Insel wandern wo wir wollten, mittags landeten wir immer wieder bei den Faraglionie und der kleinen Gaststätte. Zum Ärger unseres Hotelpersonais, die uns gern selbst als Mittagsgäste haben wollten. Wenn hohe Regierungsbeamte ihre Gäste nach Capri brachten, speisten sie stets dort als etwas besonders Schönes. Capri wird uns stets unvergesslich bleiben, diese Tage dort rings umgeben vom Meer, die Blicke zu den nahen Küsten hinaus aufs Meer, Leider hatten wir mit dem Wetter Pech, eine Reihe von Regentagen, etwas ungewöhnlich im Frühlingsparadies, vertrieb uns. Über Neapel nach Rom, dort noch einen Tag Aufentha1t mit einem köstlichen Mittagessen im Ristornate del Opera und heim über Zwickau, wo wir unsere gutbehüteten Kinder nach hause holten. Es waren die letzten Tage vor der nahenden Kriegsgefahr, am 1. August wurde das lange vermutete Unheil Wirklichkeit.